Eine menschliche Simulation wehrt Pollen ab (Symbolfoto).
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Forscher aus Stanford haben einen evolutionsbiologischen Nutzen von allergischen Reaktionen identifiziert (Symbolbild).

Allergieforschung

Warum gibt es Allergien? Forscher entschlüsseln biologischen Nutzen

  • Jasmina Deshmeh
    vonJasmina Deshmeh
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Allergien sind für Betroffene belastend und schränken sie im Alltag stark ein. Ein Forscherteam aus Kalifornien ist der Frage nachgegangen, ob immunologische Prozesse hinter Allergien auch einen biologischen Nutzen haben und dabei auf interessante Erkenntnisse gestoßen.

  • Bei einer Allergie reagiert das Immunsystem überempfindlich auf harmlose Umweltreize
  • Forscher aus den USA haben den biologischen Sinn dieser Fehlschaltung untersucht
  • Offenbar können durch Mastzellen ausgeschüttete Enzyme Umweltgifte unschädlich machen

Stanford – Bei einer Allergie reagiert das Immunsystem auf eigentlich harmlose Umweltreize mit teils starken allergischen Reaktionen, die im schlimmsten Fall sogar tödlich enden können. Für Betroffene ist diese scheinbar sinnlose „Fehlschaltung" eine Belastung und geht häufig mit Einbußen an Lebensqualität einher. Wissenschaftler in Stanford (Kalifornien) sind der Frage nach dem Sinn dieser Überaktivität des Immunsystems auf den Grund gegangen und konnten in einer Studie mit Mäusen offenbar einen evolutionsbiologischen Nutzen von Allergien identifizieren.

Allergien: Das passiert im Körper

Kommt der Körper mit gefährlichen Substanzen, wie Erregern, Giften oder krankhaft veränderten Krebszellen in Kontakt, kommt es zu einer Immunreaktion. Bei schädlichen Substanzen schützt dieser Mechanismus den Körper - anders ist es bei einer Allergie: Bei Allergikern richtet sich die Abwehrreaktion gegen eigentlich harmlose Antigene (Eiweiße) aus der Umwelt, gegen die das Immunsystem spezifische Antikörper (Immunglobulin E) bildet. Man spricht von einer Sensibilisierung, die in der Regel noch ohne Beschwerden verläuft. Beim erneuten Kontakt werden die Allergieauslöser (Allergene) von den Antikörpern erkannt und Mastzellen schütten Entzündungsbotenstoffe wie Histamin aus. Diese lösen wiederum die typischen Allergie-Symptome aus.

Derzeit sind schätzungsweise 20 bis 30 Prozent der Menschen weltweit von einer Allergie betroffen. Die krankhafte Immunantwort kann sich gegen eine Vielzahl von Allergenen richten. Zu den wichtigsten Allergenen zählen:

Dabei kann die allergische Reaktion auch eine vorteilhafte Funktion erfüllen. Wie der Allergieinformationsdienst des Helmholtz Zentrum München verweist, haben in der Vergangenheit bereits Studien am Menschen und an Tieren gezeigt, dass bestimmte, an allergischen Reaktionen beteiligte Bestandteile des Immunsystems auch eine entscheidende Rolle bei der Abwehr von Parasiten spielen. Das betrifft vor allem Mastzellen, IgE-Antikörper und Basinophile (Leukozyten).

Allergien: Studie aus Stanford beweist Schutz vor Giften

In der amerikanischen Studie konnte das Expertenteam der Stanford University an Mäusen zeigen, dass Mastzellen und das Antikörper Immunglobulin E die Überlebenschance beim Kontakt mit Giften von Gliederfüßlern und Reptilien erhöht. Die Wissenschaftler knüpften dabei an eine Hypothese der US-amerikanischen Evolutionsbiologin Marget Profet an, die bis heute kontrovers diskutiert wird.

In den Untersuchungen wurde den Mäusen zunächst eine subteale (noch nicht tödliche) Menge Bienengift, zwei Arten von Skorpiongift und drei Arten von Schlangengift verabreicht. In einem zweiten Schritt wurden potenziell tödliche Dosen der Gifte injiziert, was die Tiere überlebten. Offenbar besitzen die Mastzellen der Mäuse, bzw. die von ihnen gebildeten Proteasen, die Fähigkeit, die Gifte abzubauen und dadurch unschädlich zu machen. Durch die Sensibilisierung nach dem ersten Kontakt wurden mehr Enzyme ausgeschüttet und die giftabbauende Wirkung verstärkt. Die Mäuse hatten eine Art Resistenz gegenüber den Giften entwickelt. Zur Kontrolle wurde der Versuch mit Mäusen wiederholt, bei denen kein Immunglobulin E nachweisbar waren. Diese Tiere zeigten auch keine Resistenzen gegenüber den Giften.

Allergien: Welche Funktion haben sie beim Menschen heute?

Da bei der Sensibilisierung gebildete IgE-Antikörper den Organismus vor giftigen Substanzen schützen, bilden sie einen wichtigen Baustein in der Evolution des Menschen. Heutzutage spielen die meisten Gifte im Alltag moderner Menschen allerdings nur noch eine untergeordnete Rolle. Menschen, die häufig mit Giften in Berührung kommen, wie zum Beispiel Imker, zeigen jedoch nach wie vor eine höhere IgE-Konzentration im Blut. Diese Berufsgruppen sollten eine Hyposensibilisierung in Erwägung ziehen, um gefährliche Überreaktionen vorzubeugen.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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