Ein Kleinkind in brauner Kapuzenjacke steht in einem Stall und beobachtet Schafe (Symbolbild).
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Forscher aus München haben festgestellt: Das Leben auf dem Bauernhof fördert die Reifung des Darmmikrobioms bei Kindern (Symbolbild).

Studie zur Asthma-Prävention

Neue Erkenntnisse zum „Bauernhofschutz“: Bauernhofleben fördert Reifung des kindlichen Darmmikrobioms

  • Jasmina Deshmeh
    vonJasmina Deshmeh
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Dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, ein deutlich geringeres Asthma-Risiko haben als Stadtkinder, ist bekannt. Welche Rolle dabei das Darmmikrobiom spielt, haben Forscher aus München nun herausgefunden.

München – Nach Angaben des Robert Koch-Instituts zählt Asthma bronchiale zu den häufigsten Erkrankungen im Kindesalter. Bereits seit längerem ist bekannt, dass Kinder, die auf einem Bauernhof leben, ein geringeres Risiko haben, im Laufe ihres Lebens Asthma zu entwickeln, als Kinder in der Stadt. Die Mechanismen hinter dem sogenannten „Bauernhofschutz“ sind aber noch nicht vollständig geklärt. Wissenschaftler des Helmholtz Zentrum München und des Dr. von Haunerschen Kinderspitals der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) haben nun untersucht, welche Rolle das Darmmikrobiom bei diesem Schutzmechanismus spielt.

Bauernhofleben schützt vor Asthma: Frühere Studien belegen positiven Einfluss auf das Immunsystem

Die Ursache für allergisches Asthma besteht aus einem komplexen Zusammenspiel genetischer Faktoren und verschiedener Umwelteinflüsse. So kommt der menschliche Körper von Geburt an mit verschiedenen Mikroorganismen in Kontakt, den sogenannten Mikrobiotika. Sie fordern das Immunsystem heraus und trainieren es zugleich. Das Immunsystem besteht aus verschiedenen Immunorganen, das größte von ihnen ist der Darm. Das erklärt, weshalb die Reifung des Immunsystems unmittelbar mit der Reifung des Darmmikrobioms zusammenhängt. Dieses entwickelt sich in den ersten Lebensjahren zu einer stabilen Bakteriengemeinschaft und bleibt dann ein Leben lang bestehen.

Frühere Studien der Münchner Wissenschaftler haben bereits gezeigt, dass ein vielfältiges Umweltmikrobiom zur Asthma-Prävention beiträgt. Besonders ausgeprägt war dieser Schutz bei Kindern, die auf einem Bauernhof aufwachsen, weshalb das Phänomen auch als „Bauernhofschutz“ bezeichnet wird. Die Forscher des Helmholtz Zentrum München wollten nun herausfinden, ob der Asthmaschutz vom Reifungsprozess des Darmmikrobioms bei Kindern abhängen könnte.

Bauernhofleben schützt vor Asthma: Bauernhof fördert die Reifung des kindlichen Darmmikrobioms

Dazu untersuchten die Wissenschaftler Stuhlproben von über 700 Kindern im Alter von zwei bis zwölf Monaten, die teilweise auf traditionellen Bauernhöfen lebten. Die Proben entstammten dem von der Europäischen Kommission geförderten Projekt PASTURE, einer europäischen Geburtenkohorte, die seit 20 Jahren läuft.

Dr. Martin Depner, Biostatistiker am Helmholtz Zentrum München, in einer Pressemitteilung: „Wir stellen fest, dass ein vergleichsweise großer Teil der Schutzwirkung des Bauernhofs vor Asthma im Kindheitsalter auf die Reifung des Darmmikrobioms im ersten Lebensjahr zurückzuführen ist“. Zudem stellt er fest: „Dies deutet darauf hin, dass Bauernhofkinder mit Umweltfaktoren, wahrscheinlich Mikrobiota, in Berührung kommen, die mit ihrem Darmmikrobiom interagieren und diesen Schutzeffekt herbeiführen.“

Bisher gingen die Wissenschaftler davon aus, dass allen voran die Ernährung die Reifung des Darmmikrobioms beeinflusst. Umso überraschender waren die Erkenntnisse, dass Bauernhof-typische Einflüsse, wie der Aufenthalt im Stall, Auswirkungen auf die Reifung hatten. Die Untersuchungen belegen, dass die Umwelt, in der Kinder aufwachsen, das Asthmarisiko maßgeblich beeinflusst. Weitere wichtige Einflussfaktoren, die in den ersten Lebensmonaten die Schutzfunktion des Mikrobioms fördern, sind:

  • Eine vaginale Geburt
  • Stillen des Kindes
  • Beikost frühestens ab dem fünften Lebensmonat

Bauernhofleben schützt vor Asthma: Darmbakterien könnten zum Asthmaschutz beitragen

Weitere Analysen der Forscher ergaben zudem, dass Kinder mit einer höheren Konzentration von Butyrat im Stuhl seltener an Asthma erkranken. Dabei handelt es sich um eine kurzkettige Fettsäure, die bei Mäusen nachweislich eine asthmaschützende Wirkung hat und nach Ansicht der Forscher auch beim Menschen das Asthmarisiko reduzieren könnte. Produziert wird sie von speziellen Darmbakterien (Roseburia und Coprococcus), die bei Kindern mit ausgereiftem Darmmikrobiom in größerer Anzahl vorhanden sind.

„Unsere Studie liefert weitere Hinweise darauf, dass der Darm einen Einfluss auf die Gesundheit der Lunge haben kann. Die Atemwege der untersuchten Kinder wurden durch ein ausgereiftes Darmmikrobiom mit einem hohen Gehalt an kurzkettigen Fettsäuren geschützt. Dies spricht für die Idee einer relevanten Darm-Lungen-Achse beim Menschen“, sagt Dr. Markus Ege, Professor für klinisch-respiratorische Epidemiologie am Dr. von Haunerschen Kinderspital. „Das bedeutet aber auch, dass ein unreifes Darmmikrobiom zur Entstehung von Krankheiten beitragen kann. Umso wichtiger sind Präventionsstrategien im ersten Lebensjahr, wenn das Darmmikrobiom noch leicht beeinflusst werden kann.“

Bauernhofleben schützt vor Asthma: Asthma-Prävention durch Pobiotika?

Die Forscher weisen allerdings darauf hin, dass der Asthmaschutz nicht von einem einzigen Bakterium abhängig ist. Wichtig sei, die Reifung des gesamten Darmmikrobioms, weshalb die Einnahme bestimmter Bakterien in Form von Probiotika zur Asthma-Prävention zu hinterfragen ist. (Mit Material des Helmholtz Zentrum München)

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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