Eine Kuh steht auf der Weide (Symbolbild).
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Milch war nie für Erwachsene gedacht: Doch ein spezielles Gen sorgt dafür, dass wir auch im Erwachsenenalter noch Milch verzehren können (Symbolbild).

Siegeszug der Milch

Milch-Revolution: Erst ein spezielles Gen machte den Milch-Konsum überhaupt möglich

  • Laura Knops
    vonLaura Knops
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Die Fähigkeit, Milch auch als Erwachsener noch verdauen zu können, hat sich in Europa binnen kürzester Zeit entwickelt, wie Forscher aus Mainz nun herausgefunden haben. Der Grund dafür ist eine spezielle Gen-Mutation.

Mainz – Eigentlich ist die Evolution eine ziemlich träge Angelegenheit. Ein Blick auf die Menschheitsgeschichte zeigt: Bis sich in der Vergangenheit ein neues Gen durchsetzen konnte, vergingen meist einige Tausend Jahre. Bisher gingen Forscher daher davon aus, dass sich auch die Fähigkeit, Kuhmilch zu verdauen, über lange Zeit entwickelte. Neue Analysen zeigen jedoch: Das Milch-Gen scheint sich in Europa in Rekordzeit verbreitet zu haben. So etablierte sich innerhalb weniger Tausend Jahre eine Genmutation in Mitteleuropa, die auch Erwachsenen ermöglicht, Milch zu trinken.

Milch-Gen ermöglicht Verdauung von Laktose

Neugeborene und Säuglinge besitzen das Enzym Laktase, welches ermöglicht, die Muttermilch zu verdauen. Werden Kleinkinder nicht mehr gestillt, müssten sie diese Fähigkeit normalerweise verlieren. Doch eine Genmutation sorgt dafür, dass auch viele Erwachsene Milch noch verdauen können. Allerdings tragen nicht alle Menschen das Milch-Gen in sich. So verträgt nur etwa ein Drittel der Weltbevölkerung Laktose ohne Probleme. Die meisten davon stammen aus Mitteleuropa.

Studie: Die Lösung liegt weit in der Vergangenheit

In einer aktuellen Studie untersuchten Forscher der Johannes Gutenberg-Universität Mainz die Überreste von insgesamt 32 Männern und Frauen. Während 18 der Körper aus einer rund 4000 Jahre alten Fundstätte in Serbien stammen, wurden die anderen im heutigen Mecklenburg-Vorpommern an der Tollense gefunden. Die Wissenschaftler vermuten daher, dass es sich bei ihnen um Krieger handelt, die in einer Schlacht vor 3200 Jahren an dieser Stelle starben. Auffallend war, dass nur drei der Verstorbenen die Milch-Gen-Variante trugen. Zum Vergleich: Mittlerweile ist das Gen bei den meisten Menschen in Mitteleuropa zu finden. Mehr als 90 Prozent besitzen die entsprechende „Milch-Allele“.

Laktasepersistenz hat sich vermutlich in Europa entwickelt

Bisher gingen Experten davon aus, dass die Laktasepersistenz durch Einwanderer vom Schwarzen und Kaspischen Meer nach Europa gebracht wurde. Um diese These zu untersuchen, analysierte das Team aus Mainz daher ebenfalls 37 Körper aus Zentralasien. Doch anders als erwartet ließ sich bei den rund 4000 bis 6000 Jahre alten Überresten die Genvariante kein einziges Mal nachweisen. Zudem stellten die Forscher in ihren Analysen fest, dass die Funde aus Mecklenburg-Vorpommern ähnliche Gene wie die heutige Bevölkerung tragen. „Dazwischen liegen etwa 120 Generationen. Da wir davon ausgehen, dass die Bevölkerung nicht ausgetauscht wurde in der Zwischenzeit, muss sich dieses Merkmal in dieser Zeit eben entwickelt haben“, erklärt Professor Joachim Burger von der Universität Mainz in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

Milch trinken als Vorteil?

In nur 3000 Jahren konnte sich das Milch-Gen also in Europa verbreiten - in der Evolution ist das ein sehr kurzer Zeitraum. Laut Joachim Burger kamen auf 100 Kinder ohne die Variante 106 mit Laktosetoleranz. Doch warum hat sich das Gen erst zu diesem Zeitpunkt - und vor allem in einem solchen Tempo - durchgesetzt? Diese Frage stellt auch die Forscher um Joachim Burger vor große Rätsel. „Es muss so ein starker Selektionsdruck auf das Gen gewirkt haben, wie es ihn ansonsten im menschlichen Genom nicht mehr gibt“, mutmaßt Joachim Burger.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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