Ein Mann in weinrotem T-Shirt lehnt ein Glas Milch ab, das ihm entgegen gestreckt wird (Symbolbild).
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Milch enthält Substanzen, die nicht auf die Bedürfnisse des menschlichen Körpers, sondern auf Kälber abgestimmt sind, warnt ein Ernährungsprofessor (Symbolbild).

„Milch ist kein Produkt“

Milchverzicht ohne Unverträglichkeit? Ernährungsprofessor erklärt, warum er niemals Milch trinken würde

  • Jasmina Deshmeh
    vonJasmina Deshmeh
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Ist Milch schädlich für die Gesundheit? Bei diesem Thema gehen die Meinungen der Wissenschaft auseinander. Ein Ernährungsprofessor erklärt, warum er klar vom Milchkonsum abrät.

Osnabrück – Kaum ein Lebensmittel wird so kontrovers diskutiert wie die Milch. Die einen sehen in ihr eine wertvolle Energie- und Nährstoffquelle, andere zweifeln ihren gesundheitlichen Nutzen an und weisen auf das mit der Produktion verbundene Tierleid hin. Darüber hinaus gibt es Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen keine Milch vertragen. So wird beispielsweise bei einer Laktoseintoleranz der Milchzucker, die Laktose, im Dünndarm nicht mehr ausreichend gespalten und aufgenommen und wandert tiefer in den Dickdarm, wo sie von Bakterien der Darmflora verstoffwechselt wird. Dabei kann es zu Verdauungsbeschwerden wie Durchfall, Blähungen und Bauchkrämpfen kommen. Auch Allergien gegen Kuhmilch sind bekannt. Dabei reagiert das Immunsystem überempfindlich auf bestimmte Eiweiße in der Milch, meist Kaseine. In seltenen schweren Fällen kann es dabei sogar zu einem allergischen Schock kommen. Betroffen sind vor allem Kinder.

Doch auch ohne Laktoseintoleranz und Milcheiweißallergie sollten Verbraucher den Milchkonsum überdenken, so die Meinung von Milchkritikern. Einer von ihnen ist Bodo Melnik, Professor für Ernährungswissenschaft an der Universität Osnabrück und einer der bekanntesten Verfechter des Milchverzichts. Er zweifelt nicht nur den gesundheitlichen Wert des tierischen Produktes an, sondern sieht im Milchverzehr sogar ein Gesundheitsrisiko für alle Menschen.

Milchverzicht auch ohne Unverträglichkeit: Ist Milch nun gesund oder nicht?

Menschen trinken Kuhmilch seit Tausenden von Jahren und auch heute noch ist sie für viele fester Bestandteil der Ernährung. Ob Milch der Gesundheit schadet oder nützt, ist regelmäßig Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Das Max-Rubner-Institut (MRI) – ein Bundes­forschungsinstitut, zu dessen Kern­kompetenzen die Milch zählt – hat zu diesem Thema zahlreiche Studien ausgewertet und in einer 50-seitigen Stellungnahme zusammengefasst. Die Experten kommen darin zu dem Schluss, dass den Epidemiologischen Daten zufolge der übliche Verzehr von Milch und Milchprodukten (derzeit in Deutschland bei 190 g/Tag) entweder neutral zu bewerten oder mit einem einem geringen Krankheitsrisiko assoziiert ist – etwa für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Diabetes.

Nur für Prostatakrebs führt ein sehr hoher Milchkonsum nachweislich zu einem erhöhten Krankheitsrisiko. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für eine ausgewogene Ernährung täglich bis zu 300 Gramm Milch oder Milchprodukte in den Speiseplan zu integrieren und geht sogar davon aus, dass sich dadurch das Risiko für bestimmte Erkrankungen reduziert.

Milchverzicht auch ohne Unverträglichkeit: Ernährungsprofessor warnt „Milch ist kein Produkt“

Demgegenüber stehen Milchkritiker wie der Arzt und Professor Bodo Melnik. Er sieht einen deutlichen Zusammenhang zwischen Milchkonsum des Menschen und der Entstehung vieler Zivilisationskrankheiten. Gegenüber dem Magazin „Vegan World“ erklärt er seine Haltung und ruft zum Umdenken auf. Denn Milch sei einfach nicht für den menschlichen Körper, sondern für Kälber gemacht.

Melnik: „Milch ist kein Produkt“ und „Milch ist eine hochkomplexe Signalsubstanz zur Versorgung eines Neugeborenen. Ihr Signal lautet Wachstum.“ Neugeborene Säugetiere seien von dieser Programmierung abhängig. „Wir können sie auch als eine Art Doping verstehen: Doch dieses muss nach dem Abstillen enden. Alle Tiere hören dann damit auf – nur der Mensch nicht.“ Das Gegenteil sei sogar der Fall: Der Mensch konsumiere Milch noch als Erwachsener im Übermaß und riskiere dabei seine Gesundheit, zum Beispiel mit Blick auf Krebserkrankungen, bei denen „Wachstum eine negative Stimulation“ sei.

Milchverzicht auch ohne Unverträglichkeit: Warum Milch das Risiko für Prostatakrebs erhöht

Unbestritten ist: Wer Milch trinkt, egal ob als Kind oder als Erwachsener, nimmt vermehrt Wachstumshormone auf. Und tatsächlich können diese auch Krebs fördern. Die Frage ist jedoch, ob die in der Praxis aufgenommene Menge aus Milchprodukten ausreicht, um einen nachweisbaren Effekt zu haben. Wissenschaftliche Belege dafür fehlen bisher weitestgehend. Mit einer Ausnahme: Tatsächlich belegen Studien, dass Männer, die Milch in großen Mengen konsumieren, langfristig ein höheres Risiko haben an, Prostatakrebs zu erkranken. Für Frauen ist das Endometrium­krebsrisiko erhöht. Zugleich weisen Ernährungswissenschaftler nach Angaben des Deutschen Ärzteblatts auf eine schützende Wirkung von Milch gegen Darmkrebs hin.

Den Mechanismus hinter dem erhöhten (Krebs-)Zellwachstum erklärt Melinek gegenüber dem Magazin mit Hilfe einer Metapher: „Milch hat im Prinzip eine Hardware- und eine Software-Komponente“ und „Die Hardware sind bestimmte Aminosäuren – Basis für Eiweiße – wie Leucin. Sie kommunizieren mit den Zellen des Neugeborenen – oder eben auch der erwachsenen Konsumentin oder des Konsumenten.“ Dabei werde ein Enzymkomplex namens mTORC1 aktiviert, der dann die Zelle auf Wachstum schalte. Dieser Mechanismus erkläre auch, warum Proteinshakes auf Kuhmilchbasis das Muskelwachstum bei Sportlern anregen, aber eben auch Akne. „Und mittlerweile weiß man, dass der Enzymkomplex mTORC1 auch beim Prostatakarzinom überhöht aktiv ist.“

Milchverzicht auch ohne Unverträglichkeit: Milch als wichtiger Kalziumlieferant?

Milchbefürworter sehen in dem tierischen Produkt hingegen vor allem einen Quelle für hochwertige Proteine, Vitamine und Mineralstoffe. Und tatsächlich liefert Milch nach Angaben des Bundeszentrums für Ernährung viele wichtige Nährstoffe wie hochwertiges Eiweiß, leicht verdauliches Fett und für den Körper in der Regel gut verwertbare Kohlenhydrate (Milchzucker), weshalb sie auch nicht als Getränk, sondern als Lebensmittel mit hohem Nährstoffgehalt gilt. Darüber hinaus stecken in Milch Mineralstoffe wie Kalzium und Phosphor, wasserlösliche Vitamine der B-Gruppe (vor allem Vitamin B2) und fettlösliches Vitamin A und D sowie Jod und Fluorid.

Wer sich vegan ernähren möchte oder aufgrund einer Nahrungsmittelunverträglichkeit oder Nahrungsmittelallergie keine Milchprodukte verträgt, sollte deshalb auf eine ausreichende Kalziumzufuhr achten, zum Beispiel aus Quellen, wie:

  • Grünem Gemüse: Grünkohl, Pak Choi, Chinakohl, Brokkoli, Fenchel und Rucola
  • Mineralwasser
  • Nüssen und Samen
  • Soja und angereicherten Sojaprodukten

Zudem können meist auch Menschen mit einer Laktoseintoleranz kleine Mengen des Milchzuckers Laktose vertragen und müssen deshalb nicht ganz auf Milch verzichten. Bestimmte Milchprodukte, wie einige Käsesorten und Sauermilchprodukte, enthalten außerdem keine oder kaum Laktose und sind damit auch bei der Unverträglichkeit geeignet.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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