Ein schlafloser Mann sitzt auf der Bettkante (Symbolbild).
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Auch wenn einige Allergie-Medikamente müde machen, als Schlafmittel sind sie nicht geeignet (Symbolbild).

Nicht immer harmlos

Allergie-Medikamente als Schlafmittel? Warum sie nicht wirken und welche Nebenwirkungen drohen

  • Laura Knops
    vonLaura Knops
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Allergie-Medikamente werden immer häufiger aufgrund ihrer ermüdenden Wirkung als Schlafmittel eingesetzt. Doch die Arzneimittel haben gefährliche Nebenwirkungen.

München – Stress, Schichtarbeit, chronische Erkrankungen, Alkohol, Koffein – die Liste der Dinge, die uns den Schlaf rauben können, ist lang. Stundenlanges herumwälzen, Schlafmangel und eine wenig erholsame Bettruhe sind die Folge. Wer wochenlang nicht einschlafen kann, der leidet laut Robert-Koch-Institut unter einer akuten, kurzfristigen Schlaflosigkeit. Dauert dieser Zustand über einen längeren Zeitraum an sprechen Ärzte von einem chronischen Schlafmangel. Rund 30 Prozent der Deutschen sind davon betroffen.

Wer unter anhaltenden Schlafstörungen leidet, der greift gerne mal zu einem Schlafmittel. Aus Angst vor den Nebenwirkungen verschreibungspflichtiger Tabletten oder aus Bequemlichkeit wählen viele Betroffene dabei scheinbar unbedenkliche Allergie-Medikamente aus der Apotheke. Doch die frei verkäuflichen Arzneimittel sind meist alles andere als ungefährlich. Bei falscher Anwendung können sie zu ernsten gesundheitlichen Problemen führen. Das ist vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen gefährlich.

Antihistaminika als Schlafmittel?

Antihistaminika der ersten Generation sind als rezeptfreie Schlafmittel sehr populär. Die bekanntesten Wirkstoffe sind dabei Diphenhydramin und Doxylaminsuccinat. Bis vor wenigen Jahren noch wurden diese Histaminblocker hauptsächlich in der Behandlung von Allergien eingesetzt. Wegen ihrer ermüdenden Wirkung sind sie heute auch als Schlafmittel bekannt. Laut der Deutschen Apotheker Zeitung eignen sich die Präparate vor allem zur kurzzeitigen Therapie von Schlafstörungen, sollten jedoch nicht unbedacht eingenommen werden. Denn die Schlafmittel beeinflussen nicht nur die Qualität des Schlafs, sondern können auch gefährliche Nebenwirkungen verursachen.

Bei akuten Schlafproblemen kann die Einnahme von Schlafmitteln sogar sinnvoll sein. Keinesfalls sollten Antihistaminika jedoch über einen längeren Zeitraum oder ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt eingenommen werden. Denn schon nach ein bis zwei Wochen kann sich eine Abhängigkeit entwickeln. Zudem gewöhnt sich der Körper häufig schon nach wenigen Wochen an den schlaffördernden Effekt. Antihistaminika beeinflussen sowohl die Tiefschlafphase als auch den REM-Schlaf. REM-Schlafphasen sind wahrscheinlich für die Erholung und das Verarbeiten von emotionalen Ereignissen wichtig - kommen sie zu kurz, leidet also auch unsere Psyche. Doch nicht nur das: Eine 2015 veröffentlichte Studie zeigt, dass Antihistaminika wie Diphenhydramin keinen positiven Effekt auf die Schlafdauer und die Erholsamkeit des Schlafs haben.

Antihistaminika als Schlafmittel: So wirken die Allergie-Medikamente

Kommt das Immunsystem mit einem Allergen in Kontakt, schüttet der Körper vermehrt das Gewebshormon Histamin aus. Histamin setzt die allergische Reaktion in Gang und verursacht so die allergischen Beschwerden. Antihistaminika, auch Histamin-Rezeptor-Blocker genannt, hemmen die Wirkung des Histamins. Sie binden an die Rezeptoren, die für die allergische Reaktion zuständig sind und lindern so die Beschwerden. Sie werden vor allem in der Behandlung von Allergie-Symptomen wie Fließschnupfen, Niesreiz, Nesselsucht und bei tränenden Augen eingesetzt.

Heutzutage werden in der Allergie-Therapie in der Regel sogenannte H1-Antihistaminika, welche an die H1-Rezeptoren binden, verwendet. Doch nicht alle H1-Antihistaminika machen auch tatsächlich müde. Als sedierend gelten vor allem Antihistaminika der ersten Generation. Grund dafür: Die Wirkstoffe überwinden die Blut-Hirn-Schranke und gelangen so in das Gehirn. Dort wirken sie nicht nur ermüdend, sondern auch schlaffördernd. Im Rest des Körpers haben sie eine anti-allergische Wirkung. Wirkstoffe der zweiten Generation haben dagegen keinen Einfluss auf das zentrale Nervensystem. Sie wirken nicht dämpfend und sind daher mittlerweile die erste Wahl in der Behandlung von Allergien.

Allergie-Medikamente als Schlafmittel: Unterschätzte Nebenwirkungen

Verglichen mit modernen Wirkstoffen haben Antihistaminika der ersten Generation laut dem Allergieinformationsdienst des Helmholtz Zentrum Münchens deutlich mehr Nebenwirkungen. Häufige Beschwerden sind:

  • Müdigkeit
  • Mundrockenheit
  • erweiterte Pupillen
  • erhöhte Herzfrequenz
  • niederiger Blutdruck

Insbesondere für Menschen mit Vorerkrankungen können Nebenwirkungen wie Verwirrung, Halluzination, Sehstörungen, erhöhte Herzfrequenz und Übelkeit sehr gefährlich werden. Häufig wird zudem der sedierende Effekt der Medikamente unterschätzt. So können manche Präparate auch Stunden später und sogar nach dem Aufstehen noch zu Störungen der Koordination, Konzentrationsschwäche, Schwindelgefühl und Benommenheit führen. Ist die Aufmerksamkeit durch die Arzneimittel gestört, kann das vor allem tagsüber gefährlich werden. Betroffene sollten daher während der Arbeit oder im Straßenverkehr auf die Medikamente verzichten.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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