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25 Welt-Aids-Konferenz in München: Top-Experte Prof. Christoph Spinner: „Wir wollen Aids besiegen“

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Welt-Aids-Konferenz
Professor Christoph Spinner setzt sich für Drogenkonsumräume ein und will die Diskriminierung von Aids-Kranken beenden. © Sabine Dobel/dpa

Die Fortschritte der Medizin zeigen sich eindrucksvoll beim Thema Aids. Doch trotz der guten Behandlungsmöglichkeiten steigen weltweit die Infektionszahlen wieder. Hier gibt es viel zu tun. Neue Medikamente, die gegen eine Ansteckung schützen, machen viel Hoffnung. Top-Infektiologe Prof. Christoph Spinner erklärt, was zu tun ist.

In den 1980er-Jahren glich die Diagnose Aids einem Todesurteil. Heute ist die Krankheit beherrschbar – wenn sie denn behandelt wird. Das ist nicht immer der Fall. Sogar in Deutschland wissen acht Prozent der Menschen nicht, dass sie das HIV-Virus in sich tragen, betont der Top-Infektiologe Prof. Christoph Spinner vom Uniklinikum rechts der Isar der TUM, der in München die 25. Welt-Aids-Konferenz mit leitet. Das Ziel ist es, die Aids-Epidemie weltweit zu besiegen. Im Interview berichtet Prof. Spinner von neuen Forschungsergebnissen, die Mut machen.

HIV ist inzwischen beherrschbar. Braucht es also die 25. Welt-Aids-Konferenz mit 10 000 Experten?

Ja, unbedingt! In Deutschland gibt es rund 96 400 Betroffene, die Zahl der jährlichen Neuinfektionen ist aber jetzt wieder leicht angestiegen von 1900 im Jahr 2022 auf 2200 im Jahr 2023. Stark steigen die Zahlen in anderen Regionen der Welt: In Afrika beispielsweise zwischen 2010 und 2019 um über 20 Prozent, und auch für Osteuropa wird ein deutlicher Anstieg berichtet.

Wie kommt es zur so radikalen Verschlechterung in Osteuropa?

Das hat sehr viel damit zu tun, dass Übertragungswege wie Drogengebrauch und Sexarbeit dort immer stärker kriminalisiert werden. Dort haben besonders gefährdete Menschen oft keinen Zugang zu geeigneter Information, Prävention und Therapien oder werden stigmatisiert.

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Könnten Medikamente den Betroffenen helfen?

Eine Erkrankung mit HIV ist mittlerweile gut behandelbar, und das erworbene Immunschwächesyndrom kann wirksam verhindert werden. Mit modernen Medikamenten haben die Betroffenen eine potenziell normale Lebenserwartung und können das Virus auch nicht mehr weitergeben. Doch ist der Zugang zur Therapie auf der Welt teilweise erheblich eingeschränkt.

Wird HIV in absehbarer Zeit heilbar sein?

Es gab in den vergangenen Jahren eine Handvoll Fälle, in denen das Virus bei Infizierten nicht mehr nachweisbar war. Bisher gelang das aber nur durch Stammzelltransplantationen. Dieser Ansatz ist leider nicht in der Breite anwendbar, weil sehr viele Nebenwirkungen auftreten.

Gibt es eine Art Impfung gegen HIV, damit Gesunde gar nicht erst erkranken?

Durch die vorbeugende Einnahme von antiviralen Medikamenten (PrEP) gibt es heute für Risikogruppen eine wirksame Präventionsstrategie. Durch die Kombination aus einer solchen Prophylaxe, häufigeren HIV-Tests und universellem Therapiezugang konnten Neuinfektionszahlen vielerorts deutlich gesenkt werden – in London beispielsweise um 80 Prozent in nur zwei Jahren.

Welt-AIDS-Kongress, Vertrag im Rathaus mit Verena Dietl und José M. Zuniga, h.v.l. Tobias Weismantl, Beatrix Zurek und Prof. Christoph Spinner
München will im Kampf gegen Aids auf die Überholspur wechseln: Deshalb unterzeichneten die Dritte Bürgermeisterin Verena Dietl und José M. Zuniga die Paris Declaration zur Beendigung der HIV-Epidemie im Beisein von Tobias Weismantl, Direktor Münchner Aids-Hilfe, Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek und Prof. Christoph Spinner. © Foto: Marcus Schlaf,

Wie funktionieren die vorbeugenden Medikamente eigentlich?

Sie helfen nur, wenn die Wirkstoffe wirklich regelmäßig genommen werden. Studien zeigen leider, dass dies in manchen Regionen, insbesondere in Afrika, schlechter klappt. Neuerdings gibt es aber Depotpräparate, mit denen keine tägliche Einnahme mehr nötig ist. Es gibt zudem bahnbrechende Neuerungen: Ein Medikament, das halbjährlich gespritzt werden muss, zeigt in aktuellen Studien sogar bis zu 100 Prozent Schutz vor Neuinfektionen! Das ist vielversprechend. Allerdings erlebten wir zuletzt mehrfach, dass neue Präparate zur Therapie und Prävention in Deutschland aus Kostengründen nicht mehr eingeführt werden. Insofern stellt sich die politische Frage, was uns als Gesellschaft Innovationen im medizinischen Bereich wert sind. Hier muss die Politik dringend handeln.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unserer Redaktion nicht beantwortet werden.

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