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Corona: RKI-Zahlen unbrauchbar? Statistiker sieht „Riesen-Katastrophe“

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Von: Judith Braun

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Experten halten die aktuellen Corona-Zahlen des Robert-Koch-Instituts für nur bedingt aussagekräftig. Sie gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.

München – Auf den ersten Blick geben die aktuellen Corona-Zahlen in Deutschland Grund zur Hoffnung: Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet eine Sieben-Tages-Inzidenz von 591,8 (Stand 4. Mai 2022). Damit ist der Wert nicht nur erneut gesunken, sondern zum ersten Mal seit Januar 2022 auch unter 600. Allerdings gehen Experten seit einiger Zeit von einer hohen Dunkelziffer aus und halten den Wert deshalb für nur bedingt aussagekräftig. Ein Statistiker spricht sogar von einer „Riesen-Katastrophe“.

Corona: RKI-Zahlen unbrauchbar? Statistiker spricht von „Riesen-Katastrophe“

Ein Experte hält die aktuellen Corona-Zahlen des Robert-Koch-Instituts für unbrauchbar. Ein Grund dafür ist, dass immer weniger Infizierte PCR-Tests machen. (Symbolbild)
Ein Experte hält die aktuellen Corona-Zahlen des Robert-Koch-Instituts für unbrauchbar. Ein Grund dafür ist, dass immer weniger Infizierte PCR-Tests machen. (Symbolbild) © Fotostand/K. Schmitt/IMAGO

Aufgrund von überlasteten Gesundheitsämtern und weil immer weniger mit dem Coronavirus Infizierte einen PCR-Test machen, liefert die Inzidenz aktuell kein vollständiges Bild der Infektionslage. In der Statistik zählen nämlich nur die PCR-Tests. Einzelne Tageswerte können außerdem wegen Übermittlungsproblemen oder Nachmeldungen verzerrt sein. Aus diesen Gründen werden Werte auch aktuell häufig nur geschätzt.

Gegenüber der „Bild“ erklärte Prof. Christian Hesse, Leiter der Abteilung für Mathematische Statistik an der Universität Stuttgart, dass die abreißenden und verzögerten Meldeketten und die abnehmende Testdisziplin in der Bevölkerung nun ein so großes Ausmaß erreicht hätten, „dass gemäß aktuellster RKI-Zahlen nur noch 1,2 Millionen PCR-Tests pro Woche registriert wurden.“ Mitte Februar seien es fast doppelt so viele wöchentliche Testungen gewesen. Hesses Einschätzung nach sind die Inzidenzen und die aktuell gemeldeten Neuinfektionen deshalb „unbrauchbar“.

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Corona: Tatsächliche Fallzahl liegt vermutlich viel höher, laut Experte

Demnach liegt die tatsächliche Fallzahl wohl viel höher. „Die Infektionslage lässt sich nämlich viel genauer an den mit Covid-19 assoziierten Sterbefallzahlen ablesen. Aufgrund der Sterbedaten kann auf die Infektionszahlen zurückgerechnet werden“, meint der Statistiker. Es sei deshalb davon auszugehen, dass die realen Inzidenzen bei etwa 1000 liegen und nicht bei dem vom RKI am 2. Mai gemeldeten Wert von 639,5.

Um Aussagen über die bestehende Immunität in der Bevölkerung treffen zu können, spielt die Anzahl der Genesenen eine wichtige Rolle. Doch anscheinend hapert es auch hier, laut der „Bild“, an Genauigkeit. Nach Angaben einer RKI-Sprecherin gegenüber der Zeitung soll die Zahl derer, die die akute Infektion überstanden haben und somit genesen sind, geschätzt werden.

Dabei fließt in die Schätzung der Genesenen im Falle einer zweiten Infektion mit dem Coronavirus auch diese mit ein. Somit dürften die vom RKI aktuell als genesen angegebenen knapp 25 Millionen Menschen aufgrund der Doppelzählung nicht ganz korrekt sein. Denn der Algorithmus, der für die Schätzung herangezogen wird, unterscheidet nicht, ob ein Genesener möglicherweise schon zum zweiten Mal infiziert ist.

Corona-Zahlen: Wie sieht es mit der Immunität in der deutschen Bevölkerung aus?

Anhand der Anzahl der Geimpften und Genesenen kann auch die Immunität einer Bevölkerung bestimmt werden. Aufgrund der hohen Dunkelziffer müssen laut Hesse zu den bislang 24,8 Millionen bestätigten Infektionen in Deutschland rund 55 Millionen Infizierte dazugerechnet werden. Eine Herdenimmunität scheint deshalb aber lange noch nicht erreicht zu sein. „Wegen der schleppenden Impfkampagne und der im Zeitverlauf wieder abnehmenden Impfschutzwirkung kann momentan nur von einer Immunisierung von etwa drei Vierteln der Bevölkerung ausgegangen werden“, so der Wissenschaftler.

Statistiker Prof. Ralf Münnich von der Deutschen Statistischen Gesellschaft (DStatG) ging wegen des Umgangs mit den Daten sogar noch härter ins Gericht. Die letzten zwei Jahre sei es „bei Corona eine Riesen-Katastrophe“ gewesen. Seiner Auffassung nach hätte man Zusatz-Stichproben machen müssen, um die Dunkelziffer vernünftig abbilden zu können, da die asymptomatischen Fälle quasi nicht erfasst wurden.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren RedakteurInnen leider nicht beantwortet werden.

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