Brustkrebs-Hoffnung – Chefärztin Prof. Marion Kiechle: „Sport erhöht Heilungschance massiv“
Ermutigende Nachricht beim Münchner Top-Ärzte-Kongress: Wenn Brustkrebs-Patientinnen Sport treiben, verbessert sich ihre Heilungschance um 50 Prozent. Uni-Chefärztin Prof. Marion Kiechle erklärt.
Die Gefahr ist leider größer als viele Menschen glauben: Rein statistisch gesehen trifft eine von acht Frauen im Laufe des Lebens die Diagnose Brustkrebs – und auch Männer sind davor nicht gefeit, allerdings ist ihr Risiko mit 1 zu 760 sehr viel geringer. Im Durchschnitt erkranken die Patientinnen im Alter von 64 Jahren, aber auch viele jüngere Frauen müssen sich der Herausforderung stellen: Ein Drittel ist bei der Erstdiagnose jünger als 55. Doch es gibt auch eine ermutigende Nachricht: Wenn der Knoten nicht gestreut hat, können acht von zehn Patientinnen und Patienten geheilt werden.
Prof. Marion Kiechle: Sport kann Nebenwirkungen der Chemotherapie mildern

Dafür können die Betroffenen auch selbst einiges tun. „Wir wissen aus Studien: Wenn Brustkrebs-Patientinnen Sport treiben, verbessert sich ihre Heilungschance um 50 Prozent. Regelmäßige Bewegung stärkt in erster Linie ihr Immunsystem, sie unterstützt den geschwächten Körper dabei, Abwehrkräfte aufzubauen“, berichtete die Brustkrebs-Spezialistin Professor Marion Kiechle am Rande eines Kongresses für Sportmedizin und Sportkardiologie der Technischen Universität München in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Zudem könne Sport helfen, die Nebenwirkungen von Chemotherapien erheblich zu reduzieren. „Viele Patientinnen leiden beispielsweise weniger stark am Erschöpfungssyndrom Fatigue, an Gedächtnisstörungen und Neuropathien.“
Brustkrebs-Patientinnen müssen keinen Marathon laufen, um von Sport zu profitieren
Um solche positiven Aspekte zu erzielen, seien auch keine sportlichen Höchstleistungen erforderlich, so Kiechle. „Die Patientinnen müssen keinen Marathon laufen oder sich bei anderen Sportarten total verausgaben. Vielmehr geht es darum, dass sie sich moderat, aber möglichst regelmäßig bewegen, etwa bei schnellen Spaziergängen, beim Fahrradfahren oder beim Tanzen.“ Entscheidend sei, dass die Patienten Spaß an der Bewegung haben, erläuterte die Direktorin der Frauenklinik des Uniklinikums rechts der Isar und frühere bayerische Wissenschaftsministerin gegenüber Münchner Merkur, tz und 24 vita.
Brustkrebs-Expertin Kiechle: Früherkennung mit Selbstabtastung und Mammografie wichtig
Uni-Chefärztin Kiechle ermutigte alle Frauen, die Chancen der Früherkennung zu nutzen. Dazu zähle eine regelmäßige Selbstabtastung der Brust auf Knoten und die Teilnahme am Mammografie-Screening. Zu dieser Röntgenuntersuchung werden Frauen zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre eingeladen. „Generell gilt: Wenn Sie etwas Ungewöhnliches an Ihrer Brust feststellen, gehen Sie lieber einmal zu oft zum Frauenarzt als zu wenig. Je früher eine Brustkrebserkrankung erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen“, rät Kiechle.
Sport für Krebspatienten: Spezialsprechstunde am Uniklinikum rechts der Isar
Das Uniklinikum rechts der Isar bietet eine Spezial-Sprechstunde für Krebspatienten an, die Sport treiben möchten. Sie erhalten dort Rat, welches Training in ihrem speziellen Fall sinnvoll ist. „Die Dosierung beispielsweise während einer Chemotherapie sollte genau abgewogen werden, zumal bestimmte Medikamente Nebenwirkungen wie Herzmuskelentzündungen oder Herzschwäche verursachen können. Deshalb führen wir beispielsweise Herz-Ultraschalluntersuchungen bei unseren Krebspatienten durch“, erklärt Professor Martin Halle, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Präventive Sportmedizin und Sportkardiologie der TU München. Anmeldungen für die Spezial-Sprechstunde im Bau 523 des Klinikums rechts der Isar sind möglich unter der Telefonnummer 089-41 40 67 74.
Tumorspezialist Professor von Eisenhart-Rothe: Sich gar nicht mehr zu bewegen, ist der falsche Weg

Im Kampf gegen andere Krebserkrankungen ist Sport ebenso hilfreich, beispielsweise bei Tumoren in den Knochen. „Selbst wenn sich bereits Metastasen gebildet haben, kann Bewegung zum Therapieerfolg beitragen“, sagt Professor Rüdiger von Eisenhart-Rothe, Direktor der Orthopädie und des Endoprothesenzentrums im Uniklinikum rechts der Isar. „Die Patienten gewinnen durch die Mobilität wieder Lebensqualität. Das kann sich positiv auf den Verlauf der Tumorerkrankung auswirken.“ Auch Patienten mit einer Prothese sollten sich regelmäßig bewegen. „Sich gar nicht mehr zu bewegen, ist immer der falsche Weg“, mahnt der erfahrene Tumorspezialist.
Professor Martin Halle: Training hilft auch alten und schwerkranken Patienten

Auch bei anderen Erkrankungen als Krebs kann Sport die Gesundheit fördern und der Schlüssel zu mehr Lebensqualität sein. Darauf verwies der Präventionsmediziner und Sportkardiologe Professor Martin Halle, der den hochkarätig besetzten Ärzte-Kongress im neuen TU-Campus im Olympiapark organisiert hatte. „Wenn mir ein Mediziner-Kollege sagt, seine Patienten seien zu alt und zu krank, um zu trainieren, dann entgegne ich ihm: Meine Patienten können gar nicht alt und krank genug sein, um zu trainieren. Denn je kränker die Menschen sind, desto größer sind die Effekte des regelmäßigen Trainings.“

Als Paradebeispiel diente eine Studie zu regelmäßigem Training für Dialyse-Patienten – also Menschen, die wegen einer Nierenerkrankung regelmäßig zur Blutwäsche müssen. Die schwer kranken Teilnehmer der Studie absolvierten ihr Programm ein bis maximal dreimal wöchentlich. Es bestand aus 30 Minuten Krafttraining mit Übungen und Gewichten und 30 Minuten Ausdauertraining auf einem speziellen Fahrrad-Ergometer, sie machten ihre Übungen im Liegen im Krankenbett. Der Erfolg war enorm, wie eine Auswertung der Trainingsprotokolle nach zwölf Monaten belegte.
Studie: Dialyse-Patienten müssen dank Bewegungsprogramm seltener ins Krankenhaus

„Die Patienten gewinnen eindeutig Lebensqualität und Selbstbestimmung zurück“, berichtete Studienleiter Halle, der die Ergebnisse gemeinsam mit den Spezialisten Dr. Kirsten Anding-Rost und Dr. Gero von Gersdorff präsentierte. So kristallisierte sich beispielsweise heraus, dass die Dialyse-Patienten wieder leichter und schneller aus dem Sitzen aufstehen und längere Gehstrecken als vor dem Training bewältigen konnten. Die Trainingsteilnehmer mussten auch seltener ins Krankenhaus als ihre Leidensgenossen in der sogenannten Kontrollgruppe ohne Bewegungsprogramm, die sogenannte Hospitalisierungsrate war um 20 Prozent geringer. Zudem wurden die Trainingsteilnehmer im Schnitt drei Tage früher aus der Klinik entlassen.
Dr. Kirsten Anding-Rost: Training mit Blick auf Organtransplantation wertvoll
Das Bewegungsprogramm mache sich für jüngere Patienten auch mit Blick auf eine Organtransplantation oft bezahlt, erläuterte Anding-Rost. „Insbesondere junge Patienten, die auf eine Nierentransplantation warten, sollten mit Blick auf die OP möglichst fit sein.“ Darüber hinaus stärke das Training die Psyche der Betroffenen: „Diesen Patienten zu zeigen, dass man durch Bewegung etwas bewegen kann, ist unglaublich viel wert“, betonte von Gersdorff.
Wissenschaftliche Auswertung zeigt: Muskelzuwachs auch im hohen Alter möglich

Von regelmäßiger Bewegung könnten die Menschen bis ins allerhöchste Alter profitieren, weiß der Sportmediziner Halle. Wie stark beispielsweise hochbetagte Senioren in Seniorenheimen profitieren, untersucht er mit seinem Wissenschaftler-Team derzeit in einer der größten Studien ihrer Art weltweit. Derzeit läuft die Auswertung der Ergebnisse des sogenannten Bestform-Programms. Schon in einer Machbarkeits-Studie hatte sich beispielsweise herauskristallisiert, dass Muskelzuwachs durch regelmäßiges Krafttraining möglich ist. „Deshalb ist es so wichtig, hochbetagte Menschen in die Aktivität zu bringen“, erläuterte Bestform-Projektleiterin Nina Schaller beim Münchner Sportmedizin-Kongress. Wie sehr das Trainingsangebot die älteren Menschen bewegt, brachte Dr. Peter Weeber von der Beisheim-Stiftung auf den Punkt, die das Projekt mit Fördermitteln unterstützt: „Da springt ein Funke über – das spürt man einfach in den Einrichtungen!“
Professor Joachim Hermsdörfer: Bestform-Training verbessert auch geistige Fähigkeiten
Prof. Joachim Hermsdörfer von der TU München wies darauf hin, dass die Senioren nicht nur körperlich von regelmäßigem Training profitieren: „Wir wissen, dass sportliche Aktivität im Alter auch die geistigen Fähigkeiten verbessert werden.“ Dass gerade in den Seniorenheimen professionelle Trainingskonzepte umgesetzt werden, sei für die Bewohner elementar, betonte sein Kollege Halle. „Wir müssen es schaffen, dass die Menschen auch in den Seniorenheimen möglichst gesund und fit alt werden. Wer sich regelmäßig bewegt, steigert seine Lebensqualität und seine Leistungsfähigkeit, leidet seltener an chronischen Erkrankungen, etwa des Herz-Kreislauf-Systems, Diabetes oder Demenz, ist körperlich weniger eingeschränkt, bleibt geistig fit, hat mehr soziale Kontakte und eine höhere Lebenserwartung.“
Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unserer Redaktion leider nicht beantwortet werden.

