Besserer Schlaf dank Mouth Taping? Das steckt hinter dem Social-Media-Trend
Bei Schlafproblemen den Mund zukleben: Das sogenannte „Mouth Taping“ geistert derzeit in den sozialen Medien herum. Wie ist der Trend zu bewerten?
Stars wie Model Ashley Graham und Schauspielerin Gwyneth Paltrow schwören darauf: Das „Mouth Taping“ ist derzeit in sozialen Medien Gesprächsthema. Dabei wird der Mund nachts zugeklebt, um die Nasenatmung zu fördern. In sozialen Netzwerken wie TikTok berichten zahlreiche Nutzer davon, mithilfe des Tricks besser schlafen zu können. Aber was ist wirklich dran, an dem Hype, und ist Mouth Taping aus medizinischer Hinsicht sinnvoll oder kann es sogar gefährlich werden?
Mouth Taping: Darum geht es bei dem Social-Media-Trend

Schlafprobleme gelten laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Epidemie, die 40 Prozent der Weltbevölkerung betrifft. Inzwischen gibt es immer ausgefallenere Methoden, um den Schlaf zu verbessern. Dazu gehört auch das Mouth Taping. Das Konzept ist denkbar einfach: Indem man den Mund mit einem speziellen Pflaster oder Klebeband während des Schlafs verschließt, wird man dazu angehalten, durch die Nase zu atmen. Das soll nicht nur Schnarchen reduzieren, sondern auch die allgemeine Schlafqualität fördern. Anhänger des Trends berichten, dass sie sich am Morgen ausgeruhter fühlen und mehr Energie haben. Sogar auf das Immunsystem soll sich das Mouth Taping positiv auswirken.
Was bringt das Atmen durch die Nase?
Grundsätzlich ist es von Vorteil, durch die Nase zu atmen. „Die Luft wird beim Einatmen erwärmt und befeuchtet. Gleichzeitig wird sie durch die feinen Härchen in der Nase gereinigt“, erklärt Dr. Utta Petzold, Medizinerin bei der BARMER. „Die in der Nasenschleimhaut sitzenden Immunzellen bilden als Reaktion auf Staub, Erreger und Pollen Antikörper und stärken so die körpereigene Abwehr.“
Die Mundatmung ist dagegen mit einigen Nachteilen verbunden. Die Luft wandert ungewärmt und ungefiltert in die Lunge. Dadurch können Krankheitserreger leichter in den Körper eindringen, was die Entstehung von Infekten begünstigt. Außerdem kann der Rachen austrocknen, wodurch die Immunleistung der Schleimhaut sinkt.
Die meisten Schnarcher atmen im Schlaf überwiegend durch den Mund. Ein weiteres Indiz für die Mundatmung besteht darin, mit einem trockenen Mund und Rachen aufzuwachen.
Wie wirksam ist Mouth Taping?
Ist Mouth Taping also ein raffiniertes Wundermittel, um neben der Schlafqualität auch das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern? Bisher gibt es nur eine kleine Studie dazu, die im Jahr 2022 durchgeführt wurde. Die beteiligten Patienten litten an einer obstruktiven Schlafapnoe. Laut Apotheken Umschau half Mouth Taping der Hälfte der Studienteilnehmer dabei, ihr Schnarchen um die Hälfte zu reduzieren. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass lediglich 20 Probanden an der Studie teilnahmen. Die Ergebnisse sind also nicht aussagekräftig genug, um sie auf die Allgemeinbevölkerung zu übertragen.
Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Charité in Berlin, sieht den Trend skeptisch. „Es gibt keinen Nachweis, dass das Mouth Taping medizinisch irgendeinen Sinn macht“, sagt er laut BR24.
Ist Mouth Taping sogar ein gefährlicher Trend? Davor warnen Experten
Schlafexperten raten davon ab, sich den Mund auf eigene Faust über Nacht zuzukleben. Eine Erstickungsgefahr besteht zwar nicht, weil uns der natürliche Schutzreflex des Körpers aus dem Schlaf holen würde. „Allerdings kommt es vorher zu einem bedenklichen Abfall des Sauerstoffgehalts im Blut, weshalb das Selbsterhaltungssystem überhaupt erst anspringt“, warnt die BARMER auf ihrer Website. „Und das kann auf Dauer gesundheitsschädlich wirken.“ Außerdem reagiert der Mund sehr empfindlich auf das raue Klebeband - es kann zu Irritationen und zu Kontaktallergien kommen.
Auf keinen Fall sollten Kinder oder Menschen mit Atemwegserkrankungen das Mouth Taping ausprobieren. Wer unter Angstzuständen oder Panikattacken leidet, sollte ebenfalls die Finger von dem Trend lassen. „Es gibt viele Leute, die eine chronische Erkrankung haben, die schlecht Luft bekommen, Herzprobleme oder was auch immer haben. Die dürfen sich nicht den Mund zukleben. Das ist ja Körperverletzung – das muss man mal ganz klar sagen. Wir brauchen beide Atemwege“, betont Ingo Fietze.
Wenn Verdacht auf eine Schlafapnoe oder andere Schlafstörungen besteht, sollte man sich ärztlich untersuchen lassen. Nur wenn die Ursache bekannt ist, lassen sich die Schlafprobleme effektiv behandeln.
Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren nicht beantwortet werden.

