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ADHS bei Erwachsenen: Die Kinderkrankheit, die bis ins hohe Alter anhalten kann

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Von: Christine Pander

Lange Zeit galt ADHS als reine Kinderkrankheit. Doch ungefähr die Hälfte aller Betroffenen leidet auch noch im Erwachsenenalter unter der Störung.

Berlin – Menschen mit ADHS reagieren auf stimulierende Substanzen anders als Menschen ohne die Störung. Koffein, Nikotin und Amphetamine wirken bei ihnen nicht anregend, sondern Studien zufolge eher beruhigend. Zum Teil wird ADHS außerdem immer noch als Kinderkrankheit wahrgenommen, kritisieren Expertinnen und Experten. Dabei nehmen viele Kinder die Störung mit ins Erwachsenenalter. Gar nicht so selten wird die Diagnose erst im Erwachsenenalter gestellt.

ADHS bei Erwachsenen: Viele leben „zeitblind“

Hyperaktivität zählt neben Konzentrationsschwierigkeiten und Impulsivität zu Kernsymptomen von ADHS. Und das steckt sogar schon im Namen: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Wie stark und in welcher Form die Symptome bei den Betroffenen ausgeprägt sind, ist sehr individuell. Bei manchen nimmt die Störung keinerlei Einfluss auf ihr Leben, während andere sowohl beruflich als auch privat anecken und einen teilweise erheblichen Leidensdruck entwickeln.

Der Grund ist folgender: Bei ADHS-Erkrankten funktioniert das Gehirn anders. Verschiedene Neurotransmitter befinden sich nicht im Gleichgewicht, insbesondere Dopamin und Noradrenalin. Diese steuern unter anderem Antrieb und Motivation. Betroffenen fällt es schwer, sich selbst zeitlich zu organisieren. Experten nennen das „Time-Blindness“: Sie leben im Hier und Jetzt, haben Schwierigkeiten Termine einzuhalten, sie sind zeitblind. Deadlines sind ihr persönlicher Feind.

ADHS bei Erwachsenen: Impulskäufe, Ungeduld, Hyperfokussieren

Betroffene berichten auch, dass sie ungeduldig sind: Es fällt ihnen schwer, das Gegenüber ausreden zu lassen. Häufig neigen sie auch zu Impulskäufen. Ein weiterer Effekt kann das sogenannte Hyperfokussieren sein: Haben Erkrankte großes Interesse, sind sie sehr darauf fokussiert und können Höchstleistungen erbringen.

Einige Betroffene nutzen ihre ADHS-bedingte innere Antriebs- und Risikobereitschaft und werden beruflich sehr erfolgreich. Prominente, die ihre ADHS öffentlich gemacht haben, sind etwa Moderator und Arzt Eckart von Hirschhausen, Sänger und Schauspieler Justin Timberlake und US-Turn-Olympiasiegerin Simone Biles. Während bei Kindern die Hyperaktivität oft äußerlich sichtbar ist, weil sie nicht still sitzen können, ist die Unruhe bei Erwachsenen eher nach innen gerichtet. Zudem gibt es auch Formen von ADHS, bei der die Hyperaktivität als Symptom gar nicht auftritt.

ADHS bei Erwachsenen: Diaganostik ist sehr zuverlässig

„Es gibt nicht den ADHS-Patienten“, sagt die Psychiaterin und Neurologin Johanna Krause. Sie hat mit ihrem Mann Anfang der 2000er Jahre ein Standardwerk zu ADHS im Erwachsenenalter geschrieben und setzt sich dafür ein, dass ADHS bei Erwachsenen richtig diagnostiziert und behandelt wird.

„Es hat lange gedauert, bis sich die Fachwelt davon verabschiedet hat, ADHS nur einseitig als Kinderkrankheit zu sehen“, erklärt sie. „Teilweise ist das immer noch nicht richtig angekommen, es gibt viel zu wenig Ärzte, die sich mit dem Thema richtig gut auskennen“, sagt die Psychiaterin. Die Diagnostik bei ADHS ist zwar zuverlässig, aber auch sehr aufwendig. „Es müssen Fragebögen ausgefüllt und ausführliche Gespräche geführt werden“, betont auch Felix Betzler.

ADHS bei Erwachsenen: Diese Folgen hat die Störung

Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie leitet die ADHS-Sprechstunde für Erwachsene an der Charité Berlin. Es wird bei der Diagnostik unter anderem in die Kindheit und auf das Familienumfeld geschaut. So kommt es nicht selten vor, dass es in der Familie mehr als einen Betroffenen gibt.

Diese Begleiterscheinungen können ADHS-Betroffene entwickeln, die teilweise auf Misserfolge und Probleme in ihrem Leben zurückzuführen sind:

Obwohl die Patienten teils deshalb behandelt werden, bleibe ADHS oft unerkannt, so Betzler. Ein Teil der Betroffenen finde erst nach einer regelrechten Odyssee den Weg in seine Sprechstunde. Dabei gebe es inzwischen gute Behandlungsmöglichkeiten. „Vor allem bei einer stark ausgeprägten ADHS erzielen Medikamente einen deutlichen Effekt“, sagt Betzler. „Das heißt jedoch natürlich nicht automatisch, dass Medikamente für jeden Patienten der richtige Weg sein müssen.“

Zusätzlich oder alternativ wird eine Psychotherapie empfohlen, in der die Patienten Strategien entwickeln können, um mit der ADHS im Alltag besser umzugehen. Dazu kann auch gehören, dem Umfeld zu erklären, warum es bisweilen zu zeitlichen Nöten kommt. Und dass es sich dann oftmals um ein „nicht können“, und nicht um ein „nicht wollen“ handelt.

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