1. 24vita
  2. Prävention

Allergierisiko entdeckt: Urin von Kindern stark mit gefährlichen Chemikalien belastet

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Christine Pander

Ein Kind mit dunklem Haar und Zopf lächelt leicht und bastelt eine Figur aus bunten Schnüren (Symbolfoto)

Kinder sollten unbeschwert spielen, ohne allergene Reize in Bastelmaterialien (Symbolfoto). © imago images/Gemma Ferrando

Das Umweltbundesamt hat den Urin von 2.500 Kindern untersucht: Bei fast allen Teilnehmern wurden hohe Mengen an Stoffen nachgewiesen, die allergen wirken oder zumindest im Verdacht stehen, Allergien auszulösen. 

Dessau – Sie stecken in Spielzeug, Schulsachen, Bastelmaterialien aber auch Weichspülern oder Wandfarbe: Chemikalien, die Allergien auslösen können. Eine Studie des Umweltbundesamtes (UBA) zeigt, dass fast alle getesteten Kinder Reste davon im Körper haben.

Das kann für Kinder und Jugendliche Folgen haben, die das Umweltbundesamt als bedenklich einstuft: Stoffe, die als vermeidbar gelten, sollten in Produkten, die in Kinderhände gelangen, nicht enthalten sein. Denn sie können Allergien begünstigen oder auslösen. Da Allergien nicht geheilt, sondern nur behandelt werden können, sind Risikofaktoren Experten zufolge zu vermeiden.

Allergierisiko bei Kindern: Urin mit Giftstoffen belastet

Häufig sind die Kinder und Jugendlichen der Studie zufolge mit einer Mischung der Chemikalien belastet. Noch können Forscher allerdings nicht genau sagen, wie die Stoffe in Kombination wirken und ob sie Allergien auslösen. Die Experten haben beispielsweise Rückstände von Lysmeral, MIT, CIT oder Bisphenol A gefunden. Zum Teil liegen die Befunde über den zulässigen Grenzwerten.

Das ist nach Angaben von Dr. Malgorzata Debiak, Toxikologin des Umweltbundesamtes (UBA) in Berlin, problematisch. „Für mehr als 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland können gesundheitliche Beeinträchtigungen durch perfluorierte Verbindungen nach heutigem Stand der Kenntnisse nicht mehr mit ausreichender Sicherheit ausgeschlossen werden“, sagt die Toxikologin.

Die Studie habe gezeigt, dass Stoffe, von denen bekannt ist, dass sie Gesundheit und Wohlbefinden beeinträchtigen können, so verwendet werden, dass man ihnen fast nicht ausweichen kann. In der Folge kann das Allergierisiko bei Kindern steigen; unter Umständen können Kontaktallergien entstehen.

Allergierisiko bei Kindern: Umweltbundesamt alarmiert über Befunde

Im Zeitraum zwischen 2014 und 2017 wurden für die Deutsche Umweltstudie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (GerESV) des Umweltbundesamtes rund 2500 Kinder im Alter zwischen drei und 17 Jahren auf Abbauprodukte von Chemikalien im Urin getestet. Die Teilnehmer kamen aus insgesamt 167 deutschen Städten und Gemeinden, die repräsentativ für Deutschland stehen sollen.

Orientiert haben sich die Forscher an groß angelegten Studien, die im Vorfeld Umweltchemikalien in Blut, Urin oder bei der Entnahme von Wohnraumproben in der Bevölkerung festgestellt hatten, um die häufigsten Schadstoffe zu ermitteln.

Allergierisiko bei Kindern: 45 verschiedene Substanzen im Urin gefunden

Bisher wurden so 89 verschiedene Umweltchemikalien in verschiedenen Erhebungen bestimmt, einzelne davon weltweit zum ersten Mal und in einer bevölkerungsrepräsentativen Studie. 32Prozent dieser festgelegten Stoffe wurden bei fast allen, weitere 21 Prozent bei mindestens der Hälfte der Kinder und Jugendlichen gefunden. Somit fanden sich bei rund der Hälfte der Kinder und Jugendlichen ungefähr 45 der untersuchten Stoffe.

Diese Stoffe wurden im Urin von Kindern entdeckt:

Die umweltbedingte Belastung von Kindern und Jugendlichen in einer Reihe von Schadstoffen hat im Vergleich zu Vorstudien zwar abgenommen. Trotzdem lassen sich noch immer verbotene Substanzen in den Körpern der Kinder nachweisen.

„Besonders besorgniserregend ist die körperliche Belastung der Kinder und Jugendlichen mit per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS). Es konnte nachgewiesen werden, dass viele Kinder mehr PFAS im Blut haben als toxikologisch unbedenklich ist“, sagt Dr. Malgorzata Debiak, Toxikologin beim UBA.

Allergierisiko bei Kindern: Plastik und Weichmacher im Urin

Bedenklich sei auch die Belastung der Kinder mit den Plastikinhaltstoffen. Abbauprodukte von 11 der 15 untersuchten Plastikinhaltsstoffe waren im Urin fast aller Kinder und Jugendlicher feststellbar. Dies waren BPA, die Phthalate DEHP, DnBP, DiBP, BBzP, DiNP, DiDP, DEP, DMP, aber auch die erst in den 2000er Jahren im Markt eingeführten Stoffe DINCH und DEHTP.

Das ebenfalls als Ersatzstoff eingeführte DPHP war bei 62 Prozent der Kinder und Jugendlichen nachweisbar. Im Urin aller Kinder und Jugendlichen wurden gleichzeitig mehrere Weichmacher nachgewiesen.

Allergierisiko bei Kindern: Duftstoffe und Parabene im Urin nachgewisen

Bei allen teilnehmenden Kindern und Jugendlichen wurden auch mehrere Stoffe, die als Haut- oder atemwegsreizend eingestuft sind oder unter Verdacht stehen, Allergien auszulösen, nachgewiesen.

Ebenso der Duftstoff Lysmeral und seine Abbauprodukte, sowie N-Methylmalonsäure, Bisphenol A und mindestens einen Stoff aus der Gruppe der Parabene. Bei vielen Teilnehmenden wurden gleichzeitig mehrere Parabene gemessen.

Darüber hinaus wurden bei über der Hälfte der Kinder und Jugendlichen 2-Mercaptobenzothiazol und bei über 90 Prozent Chrom nachgewiesen.

Allergierisiko bei Kindern: Ergebnisse kein Beweis für Allergieauslöser

Doch was bedeutet das nun konkret? „Die Daten zeigen, dass alle Kinder Kontakt mit den vor dem Hintergrund von Allergien bedenklichen Stoffen haben“, sagt Toxikologin Debiak.

Auf Grundlage dieser Daten könne man aber keine Rückschlüsse auf die Ausbildung einer Allergie in der Zukunft oder sogar schon vorhandene allergische Reaktionen treffen. „Bei vielen Stoffen kommt es mehr auf den Hautkontakt als auf die innere Belastung an“, sagt die Toxikologin.

Allergierisiko bei Kindern: Stoffe müssen reduziert werden

Die Verbreitung der Stoffe mit sensibilisierenden Eigenschaften sei dennoch besorgniserregend, auch wenn die gesundheitliche Bedeutung unklar ist,* weil es sich in den genannten Fällen um Kontaktallergene handelt. Es sei daher ratsam, den Kontakt mit diesen Stoffen zu minimieren.

„Besorgte Eltern können jedoch insofern etwas beruhigt werden, als dass die alleinige Belastung mit einem Stoff noch nicht bedeutet, dass gesundheitliche Folgen zu erwarten sind“, sagt Dr. Debiak. „ Bei der Ausbildung von Allergien sind andere Faktoren, zum Beispiel die Lebensweise und die Ernährung, wesentlich ausschlaggebender.“

Allergierisiko bei Kindern: Kennzeichnung von Allergenen wichtig

Die Toxikologin befürwortet dennoch eine konsequente und allgemein verständliche Kennzeichnung der Produkte, die potentielle Allergene beinhalten, um die Verbesserung des gesundheitlichen Verbraucherschutzes zu gewährleisten.

Durch ein bewusstes Konsum- und Einkaufverhalten könne die individuelle Belastung zudem beschränkt werden. Viele Duftstoffe haben ein allergenes Potential. Duftstofffreie beziehungs­weise duftstoffarme Kosmetika und Wasch- und Reinigungsmittel sind bereits auf dem Markt vorhanden.

Allergierisiko bei Kindern: UBA gegen Einsatz von Duftstoffen in Spielzeug

„Weil Spiel­zeug, vergleichbar mit Kosmetikproduk­ten, in engen Hautkontakt kommt bezie­hungsweise sogar in den Mund genommen wird, ist das Umweltbundesamt gegen jeglichen Einsatz von Duftstoffen in Spiel­zeug“, sagt Dr. Debiak. Von dem Einsatz von Duft­stoffen zur Raumluftbeduftung wird vom UBA generell abgeraten.

Ein Tipp zum Schluss: Das Umweltzeichnen „Der Blaue Engel“ kann der Orientierung beim Kauf der schadstoffarmer Produkte dienen: Nähere Informationen dazu gibt es unter www.blauer-engel.de.* merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

Auch interessant