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Kinder zu früh in Kita: Psychologin warnt vor irreversiblen Schäden

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Von: Judith Braun

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Kind sitzt im Hochstuhl mit gestreiftem Shirt und hält die Hand vor dem Mund. (Symbolbild)
Schadet ein früher Kita-Besuch den Kindern? Für Psychologin Stefanie Stahl besteht darin keinerlei Zweifel (Symbolbild). © Imago

Kann die Kita Kindern schaden? Psychologin Stefanie Stahl warnt die Eltern vor Vertrauensverlust, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. 

Trier – Früher war es ganz normal, dass Mütter mindestens solange zuhause blieben, bis ihre Kinder mit drei Jahren in den Kindergarten kamen. Das ist heutzutage ganz anders. Immer mehr Frauen beenden ihre Babypause früher, um wieder in ihren alten Job zurückzugehen. Entweder weil sie alleinerziehend und deshalb auf das Geld angewiesen sind. Oder weil sie Kind und Karriere unter einen Hut bringen und den Anschluss an die Arbeitswelt nicht verlieren wollen.

Kinder zu früh in die Kita: Star-Psychologin Stefanie Stahl warnt vor irreversiblen Schäden

Da Eltern in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz haben, werden die Kleinsten oftmals schon mit einem Jahr in eine Kindertageseinrichtung gegeben. Ob dies für die Entwicklung des Kindes förderlich oder schädlich ist, darüber sind sich Experten bislang uneinig. Die bekannte Psychologin Stefanie Stahl zählt zu den „Kita-Skeptikern“. Sie warnt sogar vor irreversiblen Schäden bei Kindern, sollten diese zu früh in eine Fremdbetreuung gegeben werden. Selbst eine spätere Bindungsangst entsteht laut Stahl meist in den ersten beiden Lebensjahren.

Kinder zu früh in die Kita: Urvertrauen durch die Eltern fehlt

Gerade das Erleben und Erfahren von Sicherheit sei für Kinder in den ersten zwei Jahren immens wichtig, betont die Expertin in einem Interview mit „Focus Online“. Für das Erleben von Sicherheit benötigen Kinder Urvertrauen, das ihnen in den ersten Monaten und Jahren von ihren Eltern vermittelt wird. Durch das Erleben seiner Umwelt wird auch das Gehirn eines Kindes geprägt. „Wenn ich als Kind die Erfahrung mache, Mama und Papa freuen sich, dass es mich gibt, sie versorgen mich gut und haben mich ganz doll lieb, dann verschaltet sich das Gehirn über die hormonellen und neuro-biologischen Prozesse, die ablaufen.“

Dass möglicherweise das Urvertrauen zwischen Kind und Eltern Schaden nehmen könnte, wenn auf das Weinen und Schreien der Babys nicht sofort reagiert würde, war der Fokus in einer Studie von Wissenschaftlern. Das Ergebnis zeigte: Kinder würden mit dem Alter ruhiger, wenn Eltern gelassener und zögerlicher dem Nachwuchs gegenüber reagierten und nicht sofort sprangen, sobald es schrie und weinte.

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Psychologin Stefanie Stahl prognostiziert Kita-Kindern einen „Hardware-Schaden“

So entwickelt das Kind Urvertrauen und die Überzeugung, „ich bin ok und es gibt da draußen Menschen, denen ich vertrauen kann.“ Was passiert aber im Gehirn eines Kindes, wenn es tagsüber anstatt von der Mutter von einer Kita-Erzieherin betreut wird? Dann kommt es laut Stahl möglicherweise zu einem „Hardware-Schaden“, der wiederum schwere Folgen haben kann und ist nicht mehr rückgängig zu machen. „Wenn Kinder zu früh in die Kita kommen und das Sicherheitserleben nicht genug ausgeprägt ist, ist es später irreversibel“, warnt die Psychologin.

Kinder brauchen Geborgenheit und Sicherheit: Laut Stefanie Stahl kriegen sie diese nur bei der Mutter

In den ersten zwölf Monaten benötigen Säuglinge Geborgenheit und Sicherheit. Nach Meinung der Expertin kann dies „ehrlicherweise am besten die Mutter als Bezugsperson machen“. Dieses Gefühl vermittelt sie durch Körperkontakt, trösten und streicheln. „Dadurch schüttet das Gehirn beruhigende Hormone aus. Das kindliche Gehirn kann nicht selbst Stress regulieren. Nur mit Mama und Papa spurt sich das Gehirn ein und das Kind bekommt Sicherheit“, meint Stahl weiter. Dieser Kreislauf entstehe jedoch nicht, wenn ein Kind zu früh oder gar zu lange in der Kita ist. Kinder ohne Sicherheitserleben seien „viel schneller gestresst, weil sie nicht runterregulieren können.“

Schadet die Kita den Kindern? Entwicklungspsychologen behaupten das Gegenteil

Ganz anders sehen es dagegen Entwicklungspsychologen. Laut dem Elternmagazin „Familie“ sind sie sich einig: Wenn eine Erzieherin oder ein Erzieher den Kindern als zusätzliche Bezugsperson zur Verfügung steht, schadet es den Kleinen nicht. Dies zeigte beispielsweise eine Studie von 2016 von Veit Roessner, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Dresden. Bei der Untersuchung von 4.000 Kindern stellte sich heraus, dass Kinder, die im ersten oder zweiten Lebensjahr fremdbetreut wurden, im Laufe ihres Lebens seltener unter psychischen Störungen litten. Auch sollen ehemalige Kita-Kinder bei der Schuleingangsuntersuchung besser abgeschnitten haben, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus 2016 zeigte. Manchmal schadet den Kindern die Erziehungsweise der eigenen Eltern mehr, als dass sie ihnen nutzt – selbst wenn die Eltern es nur gut meinen.

Ob Sie ihr Kind in die Kita geben oder nicht, hängt natürlich von ihren persönlichen Lebensumständen ab. Sollten sie sich dafür entscheiden, sollte ihr Kind in jedem Fall eine feste Bezugsperson in der Kindertagesstätte haben. Zudem sollten Sie auf die Qualität der Kita achten und Ihnen und Ihrem Kind genügend Zeit für die Eingewöhnung geben.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren RedakteurInnen leider nicht beantwortet werden.

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