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Trauma für Schüler: Wenn Lehrer den Gang zur Toilette verbieten

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Von: Christine Pander

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 Ein Mädchen mit blonden langen Haaren sitzt an der Schulbank und meldet sich mit erhobener Hand (Symbolbild)
Für manche Lehrer ist es schwer zu erkennen, ob ein Kind wirklich zur Toilette muss (Symbolbild) © imago

Eine Lehrerin oder ein Lehrer verbietet einem Schüler den Gang zur Toilette. Der Betroffene macht in die Hose. Die Folgen für das Kind sind fatal.

Köln – Am häufigsten scheint sich das unmenschliche Szenario zu Schuljahresbeginn zu wiederholen, zumindest liest man dann am häufigsten davon: Ein Schüler will zur Toilette. Er darf nicht, kann das Geschäft nicht zurückhalten und es geht in die Hose. Man mag sich gar nicht vorstellen, was in dem Kind dann vorgeht.

Trauma für Schüler: Wenn Lehrer den Gang zur Toilette verbieten

Da gibt es zum Beispiel die Geschichte eines Betroffenen aus der hessischen Stadt Korbach: Vor rund einem Jahr meldet sich ein achtjähriger Schüler mehrfach in der Schulstunde. Er muss zur Toilette, dringend. Die Lehrerin ignoriert ihn. Die Not des Jungen wird drängender, er weint. Die Lehrerin ignoriert ihn weiter. Der Junge macht schließlich in die Hose, vor versammelter Mannschaft. Erst dann schickt ihn die Lehrerin vor die Tür, in klatschnasser Kleidung soll er dort warten, bis seine Mutter ihn abholt.

Sie kommt, und sie ist wütend. Verlangt Erklärungen für das aus ihrer Sicht menschenunwürdige Verhalten der Lehrerin. Sie denkt sogar über eine Anzeige nach. Ihr Sohn, traumatisiert nach dem Vorfall, gebe sich selbst die Schuld daran, erzählt die Mutter. Er habe sie gebeten, wieder eine Windel tragen zu dürfen, damit das nicht wieder passiere. Nachdem alle Beteiligten damals miteinander ins Gespräch kamen, hatte der Vorfall offenbar keine Konsequenzen für die Lehrerin.

Psychisches Trauma für Schüler: Kein Gesetz, das Toilettengang während Schulstunde regelt

Weder auf landes- noch auf bundesweiter Ebene existiert ein Gesetz, welches die Toilettengänge der Schüler während des Unterrichts eindeutig regelt. Somit scheint die Entscheidung, ob ein Schüler während der Stunde die Toilette aufsuchen darf, der jeweiligen Schulordnung oder der Einschätzung der Lehrerin oder des Lehrers überlassen. Diesen Eindruck unterstützt auch das geltende Schulrecht, welches die Schüler zur Teilnahme am Unterricht verpflichtet, sofern sie nicht durch Erziehungsberechtigte, Lehrer oder die Schulleitung davon befreit wurden.

Dagegen steht die im ersten Artikel des Grundgesetzes verankerte Menschenwürde. Diese garantiert jedem Menschen eine menschenwürdige Behandlung. Dazu zählt auch die Möglichkeit zur Befriedigung dringender menschlicher Bedürfnisse wie der Gang zur Toilette. Wird ein Schüler zum Aufhalten eines dringenden menschlichen Bedürfnisses gezwungen, so könnte dies zum Vorwurf der Körperverletzung im Amt nach § 340 des Strafgesetzbuches führen oder als Misshandlung von Schutzbefohlenen § 171 des Strafgesetzbuches ausgelegt werden.

Psychisches Trauma für Schüler: Ursachen für das drängende Toilettenproblem

Remo Hans Largo, Schweizer Kinderarzt und Entwicklungspsychologe, hat zahlreiche Besteller zur Kindheit verfasst. Wie auch Jesper Juul, dänischer Familientherapeut und ebenfalls Bestellerautor, haben beide sich immer wieder mit dem Thema einnässen und trocken werden beschäftigt. Beide waren der Meinung, dass Kinder unter keinen Umständen bestraft werden dürfen, wenn sie bereits trocken sind und dennoch mal etwas in die Hose geht. Ein Kind mit nasser Hose in der Schule vor eine Klassenzimmertür zu stellen, kommt aber einer Bestrafung gleich.

Das „trocken werden“ und „trocken bleiben“ beschrieben beide Experten als eine der hochsensiblen Phasen im Leben eines Kindes. Und selbst wenn Kinder im Alter zwischen drei und vier Jahren windelfrei sind, heißt das noch lange nicht, dass sie die Kontrolle über Blase und Darm ab sofort in jeder Lebenssituation haben.

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Nach Angaben des Berufsverbandes der Kinder und Jugendärzte leidet etwa ein bis drei Prozent aller Schulkinder an einer Ausscheidungsstörung; sie koten sich ein. Etwa zehn Prozent der Siebenjährigen nässen nachts ein und tagsüber verlieren etwa drei Prozent der Siebenjährigen Urin. Wenn Kinder tagsüber ihre Blase nicht kontrollieren können, obwohl sie sauber sind, können folgende Ursachen dahinter stecken:

„Versucht ein Kind ständig den Toilettengang hinauszuzögern, verlernt es, den Schließmuskel während des Wasserlassens richtig zu öffnen und zu entspannen“, sagt Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt sowie Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ).  Das Kind presse den Urin teilweise hinaus. Dadurch wiederum verstärke sich die Blasenwand, sie werde dicker. „Das Kind empfindet immer häufiger Harndrang, den es wieder zu unterdrücken versucht. Es entsteht ein Teufelskreis, der zu Blasenentleerungsstörung und Einnässen führen kann“, warnt Fegeler.

Ab zwölf Jahren sollte ein Jugendlicher vier bis fünf Toilettengänge für das „kleine Geschäft“ einplanen. „Ist der Harndrang so stark, dass ein Vorschul- oder Schulkind alle ein bis zwei Stunden auf die Toilette muss, oder so schwach, dass es nur ein- bis zweimal täglich dorthin geht, liegt vermutlich eine Blasenentleerungsstörung vor, die der Kinder- und Jugendarzt untersuchen sollte“, rät Dr. Fegeler.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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