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Studie behauptet: Kinder erben ihre Intelligenz von der Mutter

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Von: Jasmina Deshmeh

„Schlaue Mütter, schlaue Kinder“– stimmt das wirklich? Wir klären im Faktencheck auf, was nach wissenschaftlichen Erkenntnissen wirklich hinter dieser Aussage steckt.

Ulm – Immer wieder ist in Artikeln die Rede davon, dass Kinder die Intelligenz von der Mutter erben. Die meisten Berichte stützen sich dabei auf einen älteren Blog-Eintrag der Psychologin Jennifer Delgado Suárez bei „Psychology Spot“. Doch was ist wirklich dran, an dieser These?

Faktencheck: Wird Intelligenz wirklich vererbt?

Ja, aber nicht nur. Wie klug ein Kind ist, wird zumindest teilweise durch die Gene bestimmt, das ist unstrittig. Es gibt jedoch zahlreiche Studien, meist an eineiigen Zwillingen, die belegen, dass die genetische Vererbung die Intelligenz nur zu 50 bis 60 Prozent beeinflusst.

Daneben spielen weitere Einflussfaktoren eine wichtige Rolle, wie:

Welche Gene genau für die Intelligenz verantwortlich sind, ist immer noch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Experten gehen aber davon aus, dass es sich dabei um viele verschiedene Gene handelt.

So gelang es beispielsweise einem internationalen Forschungsteam mittels Genomanalyse 1271 Genvarianten nachzuweisen, die mit dem Bildungserfolg von Menschen in Zusammenhang stehen. Dabei handelt es sich vor allem um Gene, die mit Nervenwachstum, Nervendifferenzierung und der Kommunikation zwischen Nervenzellen verbunden sind. Für die Untersuchung analysierte das Expertenteam das Erbgut von über einer Millionen Menschen. Die Erkenntnisse wurden im Magazin Nature Genetics veröffentlicht.

Faktencheck: Wie begründet Delgado Suárez ihre Annahme?

In den Artikeln heißt es, dass Gene, die auf dem X-Chromosom liegen, für die Intelligenz verantwortlich seien. Da Frauen zwei X-Chromosomen besitzen, sei die Wahrscheinlichkeit also per se schon einmal höher, dass sie ihre Intelligenz vererben. Zudem würden die entsprechenden Gene, wenn sie vom Vater kommen, direkt deaktiviert (sogenannte „konditionierte Gene“).

Gemeint ist damit vermutlich die genomische Prägung. Der Begriff beschreibt das Phänomen, dass die Aktivität eines Gens davon abhängt, ob es von Mutter oder Vater vererbt wird. Schon 1991 stellte David Haig an der Harvard-Universität in Cambridge die Hypothese auf, dass die väterlichen Gene darauf abzielen, ein möglichst großes, überlebensfähiges Junges zu erzeugen, ohne die Ressourcen der Mutter zu schonen. Schließlich könnten ihre Nachkommen auch von einem anderen Männchen stammen. Die mütterlichen Gene hingegen seien bestrebt, ein weniger kräftezehrendes Kind hervorzubringen, das zum Ausgleich intelligenter ist. Ein Beispiel aus der Natur könnten Liger (Nachkommen von Löwen-Vater und Tiger-Mutter) sein, die deutlich größer und schwerer sind als Tigon (Nachfahren von Tiger-Vater und Löwen-Mutter).

Faktencheck: Was heißt das nun?

Ganz so einfach ist es mit der Intelligenz allerdings nicht: Zum einen erben nur Söhne zwingend das X-Chromosom der Mutter. Zum anderen ist sich die Wissenschaft nicht einig darüber, ob die „schlauen“ Gene tatsächlich vermehrt auf diesem Chromosom vorkommen: So wollen Humangenetiker der Universität Ulm bei der Untersuchung der beiden Geschlechtschromosomen viele Intelligenz-Gene auf dem X-Chromosom, aber kein einziges auf dem Y-Chromosom nachgewiesen haben, wie die Deutsche Apotheker Zeitung berichtet. Chinesische Forscher wagten dagegen die Einschätzung, dass gerade einmal 16 Prozent der Intelligenz-Gene auf dem X-Chromosom beheimatet sind.

Die Frage, ob Intelligenz ausschließlich oder hauptsächlich von der Mutter vererbt wird, lässt sich also nicht so leicht beantworten. Es ist weder wissenschaftlich eindeutig bewiesen, dass sich Intelligenz-Gene hauptsächlich auf dem X-Chromosom befinden, noch dass alle vom Vater stammenden Gene, die Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten haben, abgeschaltet werden. Experten gehen vielmehr davon aus, dass die Ausbildung der Intelligenz sehr komplex ist und sowohl von vielen verschiedenen Genen, als auch von äußeren Faktoren abhängt. Zudem hat Intelligenz viele Seiten, wie etwa analytische Fähigkeiten, die Gabe Emotionen und Gefühle richtig zu deuten (emotionale Intelligenz)* oder Alltagskompetenzen, die ganz unterschiedlich ausgeprägt sein und sich im Laufe des Lebens verändern können. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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