Eine Kinderärztin untersucht ein dunkelhaariges Mädchen mit Zöpfen (Symbolbild).
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Allergien können schon im Kindesalter auftreten. Eine frühe Diagnose ist daher sehr wichtig (Symbolbild).

Medikamente gegen Allergien

Allergien bei Kindern: Experte erklärt, weshalb eine frühe Diagnose wichtig ist

  • vonChristine Pander
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Allergisch reagieren können auch schon die Kleinsten. Prof. Gerd Glaeske ist Experte auf dem Gebiet der Pharmakologie und erklärt, was Eltern zum Thema Allergien bei Kindern wissen sollten.

Bremen – Die Nase läuft, die Augen brennen, das Kind hustet ständig: Ob das eine Erkältung oder eine allergische Reaktion ist, sollte ein Arzt untersuchen – vor allem dann, wenn die Symptome ständig wiederkehren. Je früher erkannt wird, auf welche Stoffe ein Kind reagiert, desto besser stehe die Chancen auf ein weitgehend beschwerdefreies Leben. Oftmals ist es allerdings nicht einfach, ein passendes Medikament für die Kleinsten zu finden. Der Pharmakologe Gerd Glaeske lehrt an der Universität Bremen und hat an dem Ratgeber „Medikamente für Kinder“ von der Stiftung Warentest mitgearbeitet. Im Interview mit 24vita.de erklärt er, was Eltern zum Thema Allergien bei Kindern wissen sollten.

Prof. Gerd Glaeske ist Pharmakologe und Gesundheitswissenschaftler
Herr Professor Glaeske, ab wann sollte ein Kind mit Symptomen auf Allergien untersucht werden?
Bei sehr kleinen Kindern sollten Eltern erst einmal beobachten: Wann treten Symptome auf und in welcher Form? Nach welchen Reizen? Hängt es von der Jahreszeit ab? Sind bestimmte Lebensmittel betroffen? Über eine Lebensmittelkarenz kann man versuchen, die unverträglichen Stoffe zu ermitteln. Wenn es gelingt, das Allergen zu meiden, können Beschwerden in Zukunft in Grenzen gehalten werden oder treten gar nicht mehr auf. Sollten die Symptome nicht besser werden, muss der Kinderarzt informiert werden. 
Was kann man selbst für das Kind tun, wenn es allergisch reagiert?
Der beste Schutz ist, das auslösende Allergen so gut wie möglich zu meiden. Wenn das Kind auf Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare oder Schimmelpilze reagiert, kann man die häusliche Umgebung darauf anpassen. Glatte Fußböden und Jalousien sind gegenüber Teppichen und Gardinen zu bevorzugen. Die Zimmer sollten immer gut gelüftet werden. Außerdem ist es sinnvoll, einen Staubsauger mit Filter für Schwebestoffe und einem möglichst großen Staubrückhaltevermögen zu benutzen. Um Reaktionen bei allergischem Asthma zu reduzieren, sollte Nickel in Kinderkleidung vermieden werden, beispielsweise indem nickelhaltige Knöpfe durch anderen Materialen ersetzt werden. Lassen Sie das Kind keinen Modeschmuck tragen* und verzichten Sie bei der Körperpflege des Kindes grundsätzlich auf Konservierungs-, Farb- und Duftstoffe.
Oftmals hilft auch eine Luftveränderung ...
Das stimmt. Reagiert das Kind auf Blütenstaub oder Pollen, sollten Sie immer den Pollenflugkalender im Blick behalten. Dann können Sie auch mit Ihrem Kind entscheiden, wann es mit der Anwendung vorbeugender Medikamente beginnen sollte. Versuchen Sie außerdem, den Urlaub auf die Pollenzeit zu legen, fahren Sie dann ans Meer oder ins Hochgebirge. Dort ist die Luft weitgehend frei von Pollen.
Wie kann man normalen Schnupfen von allergischem Schnupfen unterscheiden?
Auch da hilft nur Beobachten. Bei Kindern, die in der dunklen Jahreszeit geboren werden, wird man weniger schnell feststellen können, dass sie eine Pollenallergie haben. Hat das Kind aber immer eine laufende Nase oder tränende Augen, stimmt etwas nicht. 
Ab welchem Alter können Allergien auftreten?
Häufig zeigen sich Unverträglichkeiten oder Allergien mit der Einführung der Beikost oder der Umstellung auf feste Nahrungsmittel nach dem Stillen im ersten oder im Laufe des zweiten Lebensjahres. Bei vielen Kindern ist zu beobachten, dass sie auf Kuhmilch oder Kuhmilchprodukte reagieren. Auch Neurodermitis zeigt sich vielfach bei der Ernährungsumstellung nach dem Stillen, da sollten Eltern besonders achtsam sein und sich fragen: Reagieren die Kinder anders, sind sie unruhig, schlafen sie schlechter, weinen sie viel, haben sie Bauchschmerzen und fühlen sich unwohl? In dieser Zeit werden die Weichen für die Zukunft gestellt.
Welche Allergien sind bei Kindern häufig?
Am häufigsten wird Neurodermitis erkannt, wenn sich die Kinder in den Ell- oder Kniebeugen kratzen und sich oft entzündete Hautveränderungen an diesen Stellen zeigen. Es ist wichtig, dann mit einem Kinderarzt oder Hautarzt Möglichkeiten zu finden, die Hilfe versprechen, wie Salben oder rückfettende Bäder.
Welche Arzneimittel sind für Kinder mit Allergien geeignet, welche weniger?  
Antihistaminika, auch die älteren Präparate, sind für Kinder weniger geeignet. Da muss der Kinderarzt sehr gut auswählen. Es sollten mit den Medikamenten gute Erfahrungen vorliegen und sie sollten für Kinder zugelassen sein. Es gibt spezielle Arzneimittel für Kinder, aber sie sind nicht gerade in der Mehrzahl. Infrage kommen beispielsweise Mittel mit dem Wirkstoff Cetirizin.
Kann man Allergien bei Kleinkindern vorbeugen?
Stillen ist die beste Prophylaxe. Der Grundstein für eine spätere Allergieanfälligkeit wird oft schon im ersten Lebensjahr gelegt. Neugeborene sollten nach Möglichkeit vier Monate gestillt werden. Kinder, die nicht gestillt werden können und allergiegefährdet sind, sollten ausschließlich mit hypoallergener Fertignahrung gefüttert werden. Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass Allergien bei gestillten Kindern nicht so häufig auftreten. Problematisch ist allerdings auch, wenn die Haushalte zu steril sind und die Kinder nicht mit verschiedenen Stoffen in Berührung kommen. Wir nennen das die „Dreckhypothese“. Durch übertriebene Sauberkeit lernt das Immunsystem nicht, mit fremden Stoffen umzugehen. Das muss es aber. 
Kann das Allergierisiko bereits im Mutterleib beeinflusst werden?
Ich halte nichts davon, grundlos in der Schwangerschaft auf bestimmte Stoffe zu verzichten, die im Verdacht stehen, Allergien auszulösen, wie zum Beispiel Erdnüsse. Prophylaxe und Prävention sind immer gut, wenn man einen Grund hat und weiß, die Kinder reagieren allergisch. Generell ist es aber für jede Schwangere sinnvoll, auf eine ausgewogene Kost zu achten, die den Kalorienbedarf deckt. Solange aber eine Allergie noch nicht erkannt ist, sollte man nicht ungezielte und oft unnötige prophylaktische Maßnahmen ergreifen. Es hilft auch nicht, Neugeborene mit Salben oder anderen fetthaltigen Produkten von Kopf bis Fuß zu pflegen, um einer Neurodermitis vorzubeugen.
Wenn es doch zu Auffälligkeiten kommt: Ist der Kinderarzt oder der Dermatologe der richtige Ansprechpartner?
Wir empfehlen, immer zuerst den Kinderarzt zu konsultieren, denn dieser kennt das Kind bereits von den ersten Untersuchungen oder den ersten Impfungen. Sollte es notwendig sein, wird der Kinderarzt sicherlich einen Dermatologen hinzuziehen.
Was gehört bei allergischen Reaktionen oder Unverträglichkeiten in die Hausapotheke?  
Ich warne ausdrücklich davor, als Eltern selbst herumzudoktern. Das empfinde ich als fahrlässig. Bitte auch nicht eigenmächtig im Internet recherchieren, wenn die medizinische Expertise fehlt! Gerade bei Kindern sollte man sehr vorsichtig in Bezug auf Wirkstoffe und Dosis sein. Die Organe sind im jungen Lebensalter noch nicht vollständig entwickelt und es kann zu gravierenden Schäden kommen. Fragen Sie daher immer erst den Kinderarzt, bevor Sie Medikamente verabreichen. Eine Selbstbehandlung des Kindes ist wirklich nur dann zu empfehlen, wenn Sie die Ursache einer Allergie kennen und die Behandlung mit Medikamenten bereits mit einem Arzt besprochen haben. Bessern sich die Symptome dann innerhalb von zwei oder drei Tagen nicht, sollten Sie zum Arzt gehen.
Gilt das auch für Naturheilmittel oder frei verkäufliche Präparate aus der Apotheke?
Ja, denn die Folgen sind auch bei diesen Mitteln nicht immer zu überblicken. Wir wissen noch viel zu wenig darüber, wie sich bestimmte Stoffe auf Kinder auswirken. Es liegen einzelne Erfahrungen, aber grundsätzlich zu wenig gute Studien vor. Das gilt auch für die Homöopathie und für Mittel der Naturheilkunde. Auch bei freiverkäuflichen Mitteln ist Vorsicht angebracht. Es sind ja auch niedrig dosierte Cortionsalben in der Apotheke freiverkäuflich. Das ist aber kein Hinweis darauf, dass keine Nebenwirkungen auftreten können. Jeder Stoff, der eine Wirkung hat, kann auch unerwünschte Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen haben.
Gibt es denn ganz spezielle Medikamente für Kinder?
Ja, die gibt es. Aber Menschen, die nicht im Arzneimittelbereich tätig sind, wissen nicht genug über allergisch wirkende Substanzen oder Wirkstoffe in Arzneimitteln. Seit 2001 sind etwa 400 Medikamente speziell für Kinder zugelassen: Das ist schon ein großer Fortschritt und es erhöht die Sicherheit der Anwendung. Aber es ist längst nicht genug. Und wir sehen leider immer wieder, dass viele Arzneimittel, die bei Kindern eingesetzt werden, gar nicht ausreichend erprobt sind. Da ist die Erfahrung eines Kinderarztes wichtig, weil man auf diese Expertise und Erfahrung bauen muss.

Allergien bei Kindern: Wann und wie getestet wird

Da Allergien häufig schon im frühen Lebensalter auftreten, werden bereits bei kleineren Kindern Allergietests durchgeführt. Es gibt allerdings kein festgelegtes Alter, ab wann ein Test gemacht werden kann. Dies ist jeweils mit dem Arzt abzustimmen. Eine frühe Diagnose hilft jedoch, eine allmähliche Verschlimmerung der Erkrankung zu verhindern.

Diese Fragen stellt der Arzt bei der Untersuchung:

  • Welche Beschwerden treten auf? (Fließschnupfen, verstropfte Nase, Husten, tränende Augen, Hautausschlag)
  • Wann treten die Symptome auf? (in Innenräumen, nur im Freien, zu welcher Jahreszeit)
  • Bei welcher Gelegenheit kommt es zu allergischen Beschwerden? (Rasenmähen, Staubsaugen, Kontakt mit Haustier)
  • Gibt es Allergien im familiären Umkreis?

Allergien bei Kindern: Diagnose durch Pricktest

Einer der bekanntesten Allergietests ist der Pricktest. Dabei werden verschiedene allergenhaltige Lösungen auf die Haut getropft und mit einer Nadel leicht in die Haut eingeritzt. Anschließend prüft der Arzt, ob Hautreaktionen auftreten. Dies kann schon nach einigen Minuten der Fall sein. Der Leitlinie „Allergologische Hauttests“ zufolge können diese unabhängig vom Lebensalter, also auch bei sehr kleinen Kindern, durchgeführt werden. Da es bei dieser Variante zu mehreren Einstichen kommt, sollten Eltern vorab überlegen, ob das Kind, im Gegensatz zu einer einmaligen Blutentnahme, die Durchführung toleriert. Im Allgemeinen raten Experten, den Pricktest nicht bei Kindern unter 4 Jahren anzuwenden. Er wird zur Diagnose von Typ-1-Allergien (Soforttyp) angewandt.

Allergien bei Kindern: Diagnose durch Blutentnahme

Bei diesem Testverfahren wird dem Kind eine Blutprobe entnommen, die anschließend im Labor auf einen erhöhten Spiegel an Gesamt-Immunglobulin-E-Antikörpern und spezifische Antikörper gegen bestimmte Allergene untersucht wird.

Allergien bei Kindern: Diagnose durch Pflastertest

Beim Pflastertest, auch Epikutantest genannt, werden Testsubstanzen mit einem Pflaster auf die Haut geklebt, meist am Rücken des Kindes. Dort bleiben die Pflaster für 24 bis 48 Stunden haften. Bei der anschließenden Kontrolle prüft der Arzt, ob sich Schwellungen oder Bläschen auf der Haut gebildet haben. Mit diesem Testverfahren können Kontaktallergien nachgewiesen werden, bei denen sich die Symptome erst mehrere Stunden bis Tage nach dem Allergenkontakt zeigen.

  • Prof. Dr. Gerd Glaeske ist Pharmazeut und Gesundheitswissenschaftler. Er ist außerdem Mitautor des Stiftung-Warentest-Ratgebers „Medikamente bei Kindern.“ ISBN: 978-3-7471-0215-2

*Ruhr24.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren nicht beantwortet werden.

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