Ein Kind mit Asthma inhaliert ein Asthma-Spray (Symbolbild).
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Hygiene-Hypothese: Lassen sich Allergien im Säuglingsalter vorbeugen? (Symbolbild)

Allergien bei Kindern

Hygiene-Hypothese: Ursachen und Entstehung von Allergien – ist zu viel Hygiene Schuld?

  • Laura Knops
    vonLaura Knops
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Immer mehr Kinder weltweit leiden an Allergien. Was unser modernes Leben damit zu tun hat und warum übermäßige Hygiene ein Problem ist.

  • Die Zahl der allergischen Erkrankungen steigt seit vielen Jahren an.
  • Warum immer mehr Menschen an einer Allergie leiden, können Wissenschaftler bisher nicht genau sagen.
  • Eine mögliche Erklärung könnte übermäßige Sauberkeit und Hygiene in westlichen Ländern sein.

Berlin – Hautausschlag, Schnupfen, Husten, gereizten Augen und Verdauungsbeschwerden – Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI), gegründet von Robert Koch (67, † 1910), leidet in Deutschland jeder dritte Erwachsene an einer Allergie. Auch immer mehr Kinder und Jugendliche sind durch allergische Erkrankungen eingeschränkt. So wird jedes vierte Kind mindestens einmal in seinem Leben von allergischen Symptomen geplagt.

Vor allem in den letzten Jahrzehnten ist die Zahl der Allergien und Überempfindlichkeiten enorm gestiegen – und das nicht nur in Deutschland. Weltweit sind immer mehr Menschen in industrialisierten Ländern betroffen. Warum das so ist, können Wissenschaftler bisher nicht mit Sicherheit beantworten. Möglich ist, dass übertriebene Hygiene und der moderne Lebensstil bei der Entwicklung von Allergien eine größere Rolle spielen, als bisher angenommen.

Allergien bei Kindern: Steigende Zahlen seit vielen Jahren

Allergische Erkrankungen wie Heuschnupfen, Asthma und Nahrungsmittelallergien zählen in Industrieländern zu den am weitesten verbreiteten Erkrankungen. Laut RKI ist die Zahl der Betroffenen jedoch seit den 1970ern rasant angestiegen. Zwischen 1990 und 2011 haben sich die Heuschnupfen-Erkrankungen in Deutschland sogar verdoppelt – mittlerweile leiden hierzulande etwa 12,3 Millionen Menschen an einer Pollenallergie. Auch langfristig zeigt sich der Trend deutlich: So nehmen die Erkrankungszahlen seit beinahe 150 Jahren stetig zu. Doch nicht nur Heuschnupfen plagt die Bevölkerung, zwischen 1960 und 2000 stieg die Zahl der Asthma-Erkrankungen enorm an und seit 1990 sind auch Nahrungsmittelallergien immer weiter verbreitet.

Allergien bei Kindern: Die häufigsten Ursachen allergischer Erkrankungen

Bei einer Allergie richtet sich der Körper gegen eigentlich harmlose Stoffe in der Umwelt oder in der Nahrung wie Pollen, Tierhaare oder Hausstaubmilben. Gelangen die Allergene auf die Schleimhäute leitet das Immunsystem eine Abwehrreaktion ein. Aber warum sind immer mehr Menschen von einer Allergie betroffen? Fakt ist, dass die genetische Veranlagung bei der Entstehung einer Allergie eine wichtige Rolle spielt. Doch Forscher gehen auch davon aus, dass ebenfalls der Lebensstil und schädliche Umwelteinflüsse mitverantwortlich sind. Einer der entscheidenden Faktoren scheint dabei die Umgebung zu sein, in der Kinder aufwachsen. So haben verschiedene Studien gezeigt, dass Kleinkinder, die mit Geschwistern oder auf einem Bauernhof aufwachsen, seltener an Allergien leiden.

Allergien bei Kindern und Jugendlichen: Einzelkinder häufiger betroffen 

Ende der 1980er Jahre beschrieb der britische Arzt David Strachan zum ersten Mal die sogenannte „Hygiene-Hypothese“. Er hatte in mehreren wissenschaftlichen Studien untersucht, welche Faktoren die Entstehung einer Allergie beeinflussen. Seine Theorie besagt, dass Allergien bei Kindern mit vielen Geschwistern deutlich seltener vorkommen, als bei Familien mit nur wenigen Kindern oder Einzelkindern. Eine mögliche Erklärung sah der Wissenschaftler darin, dass Kinder, die ältere Brüder oder Schwestern haben, vermehrt mit Infektionserregern in Kontakt kommen. David Strachan fand zudem heraus, dass Kinder, die auf dem Bauernhof aufwuchsen weniger häufig an Allergien litten, als Stadtkinder.

Feuchttücher, Hände waschen und Desinfektionsmittel – Hygiene ist in unserer Gesellschaft ein Privileg das zum Alltag gehört. Doch nicht immer ist Sauberkeit auch zwingend notwendig und in manchen Fällen kann übertriebene Hygiene sogar schädlich sein. Unser Immunsystem ist dazu da, Krankheitserreger, Bakterien und Mikroorganismen abzuwehren. Kinder brauchen also „Dreck“ und das vor allem in den ersten Lebensjahren. 

Hygiene-Hypothese: Stallluft schützt vor Allergien

Verschiedene wissenschaftliche Studien haben in den vergangenen Jahrzehnten die „Hygiene-Hypothese“ untersucht  und gezeigt, dass Kinder, die auf einem Bauernhof mit traditioneller Landwirtschaft aufwachsen tatsächlich seltener an Asthma, Heuschnupfen oder anderen Allergien erkranken als Kinder, die in nicht auf einem Bauernhof wohnen. Nur halb so viele Bauernhof-Kinder entwickeln Asthma und nur rund ein Drittel erkrankt im Laufe seines Lebens an Heuschnupfen. Doch die schützende Wirkung der Bauernhof-Luft scheint nicht für ländliche Regionen generell zu gelten. So waren Kinder, die auf dem Land oder sogar im selben Ort wohnten, nicht vor Allergien sicher.

Doch was schützt Bauernhof-Kinder davor an Asthma oder Allergien zu erkranken? Zwei Faktoren scheinen für die Unterschiede zwischen Stadt und Land verantwortlich zu sein: Nicht nur das Trinken von roher Kuhmilch scheint als Schutz gegen Allergien zu wirken, sondern auch wenn Eltern ihre Kinder bereits von klein auf mit in den Kuhstall nehmen hatte das einen positiven Effekt. Die Forscher erklären die schützende Wirkung der Stallluft mit der hohen Zahl an Bakterien, die dort zu finden sind. Demnach spielen Mikroben, Bakterien und Pilze eine entscheidende Rolle. Dabei sind Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, nicht nur einer höheren Menge an Mikroorganismen ausgesetzt als Stadtkinder, sondern auch deutlich häufiger.  

Allergien: Macht zu viel Hygiene krank?

Viele Wissenschaftler halten die „Hygiene-Hypothese“ für sehr wahrscheinlich. So vermuten sie, dass sich ein übertriebenes Maß an Sauberkeit negativ auf den menschlichen Organismus auswirkt. Kommt das kindliche Immunsystem mit einer Vielzahl an Bakterien, Mikroben und Parasiten in Kontakt, ist das wie ein Training für den Körper. Er lernt, sich gegen die „Eindringlinge“ zu wehren und bildet Schutzmechanismen. Es könnte sogar sein, dass der Körper den Kontakt zu einer Vielzahl an Parasiten und Mikroben braucht, um sich ausreichend zu entwickeln.

Eine zunehmend saubere und keimfreie Umgebung hingegen bietet dem kindlichen Immunsystem nicht mehr genügend Anreize, einen Schutz zu bilden, es wird nicht ausreichend gefordert. Zudem scheint eine gründliche oder sogar übertriebene Hygiene dazu zu führen, dass das Immunsystem nicht ausreichend aktiviert wird. Die Folge ist, dass sich der Körper langweilt und sich deshalb auf der Suche nach neuen „Feinden“ gegen eigentlich harmlose Substanzen wie Blütenpollen, Hausstaub und Nahrungsmittel wehrt.

Hygiene-Hypothese: Schützen schon ein paar Gramm Schmutz?

Eine Langzeitstudie, die 2016 veröffentlicht wurde, zeigt, dass schon ein paar Gramm Schmutz schützend wirken können. Mehr Dreck scheint sich positiv auf das Allergierisiko auszuwirken. Das Forscherteam untersuchte mehr als 1000 Kinder über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg. Die Autoren erfragten in der Studie, welche Kinder an schmutzigen Fingernägeln gekaut oder Daumen gelutscht haben. Später führten sie im Alter von 13 und 30 Jahren einen Allergietest mit den Teilnehmern durch .Die Ergebnisse zeigen: Kinder, die in ihrer Kindheit an ihren Fingernägeln gekaut oder Daumen gelutscht haben, entwickelten seltener Allergien als diejenigen, die als Kind nicht diese Angewohnheit hatten.

Ebenfalls scheint der Kontakt zu Altersgenossen im Kindergarten das Allergierisiko zu senken. Allerdings nur, wenn die Kinder bereits vor ihrem ersten Lebensjahr in die Kita gehen und wenn sie Einzelkinder sind. Kinder mit älteren Geschwistern dagegen haben generell einen besseren Schutz als Einzelkinder.

Allergien bei Kindern: Verschiedene Faktoren entscheidend

Doch es gibt auch Kritik an der „Hygiene-Hypothese“. Denn obwohl verschiedene wissenschaftliche Studien die Theorie bestätigen, kann sie nur einen Teil der Epidemie erklären. So sind möglicherweise auch andere Faktoren für den Anstieg der allergischen Erkrankungen in westlichen Ländern verantwortlich. Neben Veränderungen in der Umwelt wie Klimawandel und neue Anbaumethoden in der Landwirtschaft, spielen auch der Lebensstil und die individuellen Essgewohnheiten eine Rolle. 

Heutzutage enthält die unsere Nahrung immer mehr Fertiggerichte und industriell hergestellte Lebensmittel. Auch befinden sich deutlich mehr Fette und Zucker im Essen, als noch vor einigen Jahren. Die Faktoren in Kombination mit weniger Bewegung provozieren nicht nur die Entwicklung von Krankheiten wie Übergewicht und Diabetes, sondern führen auch dazu, dass immer mehr Kinder und Jugendliche unter Allergien leiden. Zudem scheint laut dem Allergieinformationsdienst des Helmholtz Zentrum Münchens auch die steigende Schadstoffbelastung problematisch für den kindlichen Körper zu sein. So sind Kinder immer häufiger einer wachsenden Zahl an Umweltschadstoffen ausgesetzt.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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