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„Man kann Kinder abrichten“: Hirnforscher über die Freude am Lernen, die Kindern oft genommen wird

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Von: Juliane Gutmann

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Von Sprechfertigkeiten bis hin zu Schulnoten: Viele Eltern üben bewusst oder unbewusst Druck auf ihre Kleinen aus. Doch nicht alles lässt sich Kindern beibringen.

Eltern meinen es in der Regel immer gut mit ihrem Nachwuchs. Je mehr positive Fähigkeiten und Fertigkeiten dieser mitbringt, desto größer seien später die Chancen auf dem Arbeits- und Heiratsmarkt – so die Annahme einiger Mütter und Väter. Gefördert wird deshalb oft bereits dann, wenn das Kind noch gar nicht geboren ist – indem man den Kopfhörer, aus dem klassische Musik dröhnt, an den Babybauch presst. Im Kleinkindalter geht es weiter: Als pädagogisch sinnvoll eingestufte Spielzeuge werden dem Zwerg vorgesetzt. Später, in der Schule, soll das oberste Ziel „Abitur“ erreicht werden. Dafür werden oftmals keine Kosten und Mühen gescheut. Die Kinder müssen nach der Schule noch teure Nachhilfestunden über sich ergehen lassen.

Doch es gibt Stimmen aus Pädagogik und Hirnforschung, die dieses Vorgehen kritisch sehen. Dazu zählt auch Professor Gerald Hüther, Neurobiologe und Lernforscher. In seinen Augen ist die Freude am Lernen das Wichtigste überhaupt, was in der Schule vermittelt werden sollte. „Wenn die Futsch ist, ist ein Kind nicht mehr zukunftsfähig“. Wenn es keine Freude mehr am eigenen Entdecken und Gestalten habe, sei auch ein Einser-Abitur nichts wert, wird Hüther von BR24 zitiert.

Jedes sechste Kind fühlt sich enorm gestresst

Er sieht einige Ansätze im Schulsystem als nicht kindgerecht an. „Was wir in den letzten Jahren gelernt haben, ist, dass [man Kindern Wissen nicht beibringen kann]. Man kann Kinder abrichten, bestimmte Tätigkeiten auszuführen oder man kann Kinder sogar dazu abrichten, Dinge auswendig zu lernen. Aber Wissen muss sich das Kind selbst aneignen“, so der Lernforscher in einem BR24-Beitrag. Dazu könne man kein Kind zwingen, „das geht auch nicht mit einer Schulpflicht, das geht auch nicht mit Druck. Das geht auch nicht mit Belohnungen oder guten Zensuren, die man verspricht. Das geht nur, indem man Bedingungen schafft, in denen das Kind von sich aus bereit ist, sich dieses Wissen aneignen zu wollen“. In den Schulen könnten diese Bedingungen aber vielerorts nicht geschaffen werden.

Mutter umarmt Tochter
Fühlen sich Kinder geliebt, herrschen im Gehirn optimale Lernbedingungen vor, so Forscher Gerald Hüther. © Tanya Yatsenko/Imago

Einige Eltern und Lehrer hindern ihre Kinder und Schüler allerdings daran, dass diese mit Freude Neues erlernen – bewusst oder unbewusst. Denn wird das Kind nur als Befehlsempfänger und nicht als Mensch wahrgenommen, nimmt das einen negativen Verlauf. Das Kind kann mit dem Druck nicht umgehen, es entsteht Stress. Jedes sechste Kind in Deutschland leidet unter hohem Stress, so ein Ergebnis einer Bayer Health Care Erhebung.

Kinder müssen „sich geliebt fühlen, so wie sie sind“, um optimal lernen zu können

Doch es gibt Mittel und Wege, diesen Stress nicht aufkommen zu lassen. In elterlicher Liebe und Wertschätzung vonseiten der Lehrkräfte sieht Neurobiologe Gerald Hüther einen wichtigen Lösungsweg: „Es geht darum, (...) dass sie sich geliebt fühlen, so wie sie sind. (...) Unter diesen Bedingungen herrschen im Gehirn optimale Bedingungen dafür, dass sich Lernprozesse entfalten können. In dem Augenblick, in dem sich ein Kind als Objekt erlebt, als Objekt elterlicher Erwartungen, elterlicher Bewertungen oder später in der Schule, in dem Augenblick wird ein Grundbedürfnis des Kindes verletzt, nämlich das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Autonomie, nach Wachstum. Und wenn ein Kind in dieser Weise verletzt wird, kommt es auch im Gehirn zur Aktivierung der gleichen Netzwerke, die auch dann aktiviert werden, wenn man körperliche Schmerzen erleidet“.

In diesem Zustand sei keine Wissensaneignung möglich, die dem Kind auf Dauer von Nutzen ist, so Hüther. Im schlimmsten Fall kann sogar das Selbstwertgefühl des Kindes leiden und dauerhaft Schaden nehmen. Auch Überanpassung kann die Folge sein oder aber erhöhtes Aggressionspotential.

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Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren RedakteurInnen leider nicht beantwortet werden.

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