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Die Anfrage nach Schönheits-OPs steigt - weil wir uns in Videocalls nicht mögen?

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Von: Jennifer Köllen

Anfrage nach Schönheits-OPs steigt: Warum wir uns vor dem Lockdown lieber mochten, und warum vor allem junge Menschen ein falsches Körperbewusstsein haben.

Berlin – Wer im Homeoffice arbeitet, sieht seine Kollegen nur noch per Videocall. Doch nicht nur seine Kollegen, sondern auch sich selbst. Und das ist, so traurig das klingt, für immer mehr Menschen anscheinend kein schöner Anblick.

Die meisten von uns kennen den Moment: Man wählt sich morgens ins Meeting ein, ist noch nicht ganz wach, das Licht blendet, und man denkt sich beim Anblick des eigenes Gesichts in Großaufnahme: „Puh, du sahst auch schon mal besser aus.” Doch deswegen gleich etwas an seinem Aussehen ändern lassen?

Anfrage nach Schönheits-OP steigt: Um in der Videokonferenz gut auszusehen?

Für manche Deutsche die logische Konsequenz. Denn immer mehr entscheiden sich aus Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen für eine Schönheits-OP. Und offenbar hat Corona, der Lockdown und das Arbeiten im Homeoffice, einen direkten Einfluss auf die Änderungswünsche: Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) ging es bei Schönheitseingriffen 2020 auffällig häufig um Veränderungen im Gesicht.

„Viele haben sich in der Corona-Zeit ständig selbst bei Zoom gesehen“, sagt Alexander Hilpert, plastischer Chirurg in Duisburg und Düsseldorf. „Sie kommen deshalb und sagen, sie hätten gern eine Augenlid-Operation.“ Videokonferenzen zeigten das Alter der Teilnehmer eben „schonungslos“, sagt auch Schönheitschirurg Werner Mang. Angaben der DGÄPC deuten darauf hin, dass das auch im Fernunterricht der Fall war: 27 Prozent der Mitglieder gaben an, dass Lehrer im Frühjahr 2020 häufiger als üblich in ihre Praxis kamen.

Insgesamt gebe es ein neues Körperbewusstsein in der Krise, sagt der Arzt Murat Dagdelen in Düsseldorf. Das Interesse an Fettabsaugungen steige, nicht zuletzt weil einige in der Homeoffice-Zeit zugelegt haben. Manche nutzten die Corona-Krise zur Selbstoptimierung. „Die Patienten haben mehr Zeit, sich mit ihrem Äußeren zu beschäftigen.“

Anfrage nach Schönheits-OP steigt: Deutschland gehört mittlerweile zu den Ländern mit den meisten Schönheits-OPs

Laut Internationaler Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (ISAPS) mit Sitz im US-Staat New Hampshire gehört Deutschland heute zu den Ländern mit den meisten Schönheits-OPs – Tendenz steigend. Die Top-10-Länder waren zuletzt:

Doch wie viele Operationen werden hierzulande tatsächlich durchgeführt, um vermeintlich besser auszusehen? Dafür gibt es keine genauen Angaben – denn ein zentrales deutsches Register für Schönheitsoperationen gibt es nicht. Hochgerechnet sollen es Hunderttausende jährlich in Deutschland sein. Laut einer nicht-repräsentativen Umfrage bei DGÄPC-Mitgliedern* waren die Top Fünf der ästhetischen Behandlungen vergangenes Jahr Faltenunterspritzungen (etwa mit Hyaluronsäure) und Botox-Behandlungen (Botulinumtoxin). Mit Abstand folgen dann Brustvergrößerung, Oberlidstraffung und Fettabsaugung.

Nach wie vor dominieren Frauen und ihre Nachfrage den Markt. Nur etwa zehn bis 15 Prozent der Behandlungen werden an Männern vorgenommen.

Ein Mann sitzt im Homeoffice vor dem Laptop und hat einen Videocall. (Symbolbild)
Videocall im Homeoffice: Der eine gefällt sich, der andere nicht. (Symbolbild) ©  Agefotostock/Imago

Anfrage nach Schönheits-OP steigt: Soziale Medien und Fotofilter sind Treiber eines neuen Schönheitswahns bei Jugendlichen

Auch unter minderjährigen Teenagern nimmt der Wunsch nach Schönheits-OPs zu. Der Grund: Sie wollen aussehen wie ihr liebster Influencer auf Social Media oder wie auf dem eigenen Selfie, bei dem sie sich mit einem Beauty-Filter die Lippen vergrößert oder das Kinn verschmälert haben.

Der plastische Chirurg Alexander Hilpert sieht darin eine gefährliche Entwicklung. „Wer häufig Bilder von sich versendet, will auch schöner aussehen“, sagt der 56-Jährige, der in Duisburg und Düsseldorf praktiziert. „Das hat sich in den letzten Jahren extrem verstärkt, diese Anfragen kommen inzwischen täglich.“

Anfrage nach Schönheits-OP steigt: Norwegen schafft Gesetz, um Kinder und Jugendliche zu schützen

Sich selbst so zurechtstutzen lassen, damit man aussieht, wie ein computergeneriertes Selbst? Ein gefährlicher Trend – auf den Norwegen jetzt reagiert hat. Das norwegische Parlament verabschiedete kürzlich ein neues Gesetz, das Influencer und Werbeschaffende dazu verpflichtet, retuschierte Fotos, in denen werbliche Inhalte zu sehen sind, zu kennzeichnen. Egal, ob etwas an der Haut oder am Körper geändert wurde. Dazu zählen auch Filter auf Instagram. Das Gesetz soll ab Sommer 2022 in Kraft treten.

Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Denn eine Umfrage der Kinderschutzorganisation „Redd barnas ungdom“ hat ergeben, dass 43 Prozent der Befragten in Bezug auf ihr Aussehen unter Stress stehen. Dabei sollte die Kindheit und Teenagerzeit doch die unbeschwerteste im Leben sein.

Der norwegische Familienminister Kjell Ingolf Ropstad sagt, man hätte sich zu dem Gesetz entschlossen, „weil die retuschierten Fotos ein verzerrtes Körperbild auslösen. Wir wollen, dass sich Kinder und Jugendliche in Zukunft so akzeptieren, wie sie sind.” Sich so akzeptieren, wie man ist – daran sollten wir uns beim nächsten Videocall erinnern.

(Mit Material der dpa) Noch mehr spannende Gesundheits-Themen finden Sie in unserem kostenlosen Newsletter, den Sie gleich hier abonnieren können. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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