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Psychologe erklärt, warum Männer häufiger unter Bindungsängsten leiden

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Manchmal enden Beziehungen bevor sie richtig beginnen, weil ein Partner Angst davor hat, sich an den anderen zu binden. Wieland Stolzenburg erklärt im Interview, warum das besonders Männer betrifft.

München – Wer verliebt ist und sich mit einem Partner auf eine Beziehung einlassen möchte, steht immer häufiger alleine da, denn Bindungsangst ist inzwischen ein weitverbreitetes Phänomen. Therapeuten und Psychologen befassen sich mit der Thematik, unter ihnen Wieland Stolzenburg. Im Interview mit der Nachrichtenagentur „spot on news“ erklärt der Beziehungspsychologe, warum Männer häufiger betroffen sind als Frauen und wie die Partnerschaft dennoch klappt.

Was löst Bindungsangst aus?

Mann wendet sich von Partnerin ab
Mann wendet sich von Partnerin ab (Symbolbild) © IMAGO / Westend61

Wieland Stolzenburg: Menschen mit Bindungsangst, ob Männer oder Frauen, haben in der Kindheit und Jugend ungute Erfahrungen rund um Nähe und Zuneigung gemacht. Entweder gab es zu wenig gute und gesunde Nähe oder zu viel unangenehme oder verletzende Nähe zu den Eltern oder einem Elternteil. Diese Erfahrungen führen im Erwachsenenleben dazu, dass sie bei zu viel Nähe, bei zu viel Verbindlichkeit und Verbundenheit in einer Partnerschaft auf Abstand gehen, da die alte Wunde berührt wird. Die damals beste und gesunde Anpassungsstrategie in der Kindheit war es, sich zu schützen, abzugrenzen, früh selbstständig zu werden, niemanden wirklich an sich heranzulassen.

Dieser Schutzmechanismus wirkt im Erwachsenenalter immer noch, wenn man diese seelischen Wunden nicht geheilt hat. So reagieren Menschen mit Bindungsängsten auf zu viel Nähe mit der gleichen Reaktion wie damals: Sie gehen auf Abstand, um sich vor weiteren Verletzungen zu schützen.

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Sind Männer häufiger von Bindungsängsten betroffen als Frauen?

Stolzenburg: Ja. Die Ursache findet sich in der Kindheit. Mädchen erleben häufig einen abwesenden, (emotional) nicht verfügbaren Vater. Diese Frauen tragen demnach häufig den Mangel „Ich möchte mehr von meinem Vater, dem männlichen“ in sich.

Jungen erleben häufig eine Mutter, die zu nah ist, zu viel klammert oder nicht loslassen kann. In diesem Fall tragen Männer später den Schmerz „Ich muss vor zu viel Nähe und Weiblichkeit aufpassen“ in sich. Das ist nicht schwarz-weiß, sondern eine Tendenz, denn es gibt ebenso Männer mit Verlustängsten und Frauen mit Bindungsängsten.

Haben Sie einen Rat für Männer mit Bindungsängsten?

Stolzenburg: Männer, aber auch Frauen, die Bindungsängste haben, sollten sich im ersten Schritt darüber bewusstwerden und es sich eingestehen, dass sie diesen vermeidenden Bindungsstil haben. Ob Sie selbst unter Bindungsängsten leiden, können Sie unter anderem in meinem Bindungsangst-Test herausfinden.

Im Weiteren gilt es, sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen und die Verletzungen zu heilen. Denn Bindungsängste gehen mit der Zeit nicht weg und eine Trennung ist auch keine Lösung: Denn es ist ja unsere Bindungsangst und wir nehmen sie in die nächste Partnerschaft mit. Es gibt tolle Bücher, ich selbst biete einen Onlinekurs zum Überwinden von Bindungsängsten an. Zudem gibt es Therapeuten oder Psychologen, die sich mit Bindungsstilen und Partnerschaftsthemen auskennen.

Mein Tipp: Aktiv werden, informieren und dann die Dinge machen, die die Bindungsangst heilen.

Und wie sollten Frauen sich verhalten, wenn der (mögliche) Partner unter Bindungsängsten leidet?

Stolzenburg: Ich sehe zwei Aspekte, die dabei wichtig sind: Zum einen sollten Frauen für sich prüfen, ob sie unter Verlustängsten leiden. Wenn sie Verlustängste haben, dann sollten sie den Blick erst zu sich wenden, anstatt zum Partner und sich mit der eigenen Verlustangst auseinandersetzen und diese Schritt für Schritt heilen. Denn solange sie diesen Bindungsstil haben, werden sie immer wieder Männer mit Bindungsängsten als Partner anziehen.

Solange sie sich am Partner „abarbeiten“ oder den Partner wechseln, ändert sich meist nichts Grundlegendes. Denn ein großer Teil des Schmerzes in der Beziehung liegt an den eigenen Themen und nicht am Partner. Der Königsweg wäre, wenn sich beide mit ihrem Bindungsstil auseinandersetzen und ihn verändern.

Zum anderen sollten Frauen erkennen, dass sie ihren Partner nicht verändern oder heilen können, das geht nicht. Solange der Partner keine eigene Motivation hat, seine Bindungsängste zu überwinden, wird sich wenig verändern. Klar, Frauen könnten sich anpassen und möglichst wenig wollen, die wenige Nähe und Verbindlichkeit akzeptieren und mit dem wenigen an Zweisamkeit und emotionaler Wärme leben. Das muss jede Frau für sich entscheiden, ob diese Art der Beziehung das ist, welche sie auf Dauer möchte.

Hat eine Beziehung überhaupt eine Chance, wenn Bindungsängste im Spiel sind?

Stolzenburg: Ja, das ist auf jeden Fall möglich - unter diesen Voraussetzungen: Wenn derjenige mit Bindungsängsten sich aktiv und selbstverantwortlich mit seinem Bindungsstil auseinandersetzt und immer weiter auflöst. Das ist ein Prozess und nicht in wenigen Wochen zu erreichen, wenn die Bindungsängste stark ausgeprägt sind. Doch es ist möglich und haben schon unzählige Menschen erreicht.

Da wir in der Regel nicht mit Bindungsängsten auf die Welt kommen, es also als kindliche Bewältigungsstrategie „erlernt“ haben, können wir es auch wieder „ent-lernen“ und frei davon werden. Dazu brauchen wir jedoch das richtige Fachwissen, die passenden Methoden, genügend Geduld und Ausdauer.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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