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Cannabis-Legalisierung: Professor in Suchtklinik hält sie „fatal“ für Jugendliche

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Von: Jennifer Köllen

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Die Ampelparteien wollen den Cannabis-Verkauf legalisieren. Der Chefarzt von Bayerns größter Suchtklinik gibt in Bezug auf Jugendliche eine klare Warnung ab.

Furth im Wald – Bislang war der Konsum von Cannabis in Deutschland zwar erlaubt, auf Besitz und Verkauf standen allerdings noch Strafen – wobei der Besitz von „geringen Mengen“ nicht zwingend verfolgt wurde.

Jetzt haben sich die Ampelparteien darauf geeinigt, den Verkauf von Cannabis zu Genusszwecken zu legalisieren. Ziel sei eine „kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften“, hieß es in dem Ergebnispapier von SPD, Grünen und FDP. Dadurch werde die Qualität kontrolliert, die Weitergabe verunreinigter Substanzen verhindert und der Jugendschutz gewährleistet.

Cannabis-Legalisierung: Professor in Suchtklinik hält sie für Jugendliche „fatal“

Von Eltern und Ärzten wird diese Entscheidung dennoch heftig diskutiert. Cannabis-Fans hingegen freuen sich: Endlich können sie legal Drogen kaufen und konsumieren, dürfen nicht mehr von der Polizei „gefilzt“ werden.

Cannabis ist nach wie vor die am häufigsten konsumierte Droge in der Bunderepublik Deutschland. Und das sowohl unter Jugendlichen, als auch unter jungen Erwachsenen. Die Konsumzahlen steigen seit Jahren. Nach aktuellen Angaben der Bundezentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) haben 10,4 Prozent der 12- bis 17-Jährigen schon einmal Cannabis konsumiert. Bei den 18- bis 25-Jährigen sind es bereits 46,4 Prozent. Klinische Studien zeigen, dass der Konsum von Cannabis mit erheblichen Gesundheitsrisiken verbunden ist.

Der Suchtmediziner Professor Dr. Reinhart Schüppel sieht die Legalisierung von Cannabis kritisch. Immer wieder werde auf die relative Harmlosigkeit von Cannabis als „weicher“ Droge verwiesen, im Vergleich zu „harten“ Drogen wie Kokain oder Heroin.

Der Chefarzt der Johannesbad Fachklinik in Furth im Wald, der größten stationären Einrichtung zur Behandlung von Suchterkrankungen in Bayern, gibt zu bedenken: „Unter Berücksichtigung aller möglichen Schäden für Nutzer und das Umfeld belegt Cannabis unter den suchterzeugenden Substanzen Platz 8 und macht doppelt so häufig abhängig wie Alkohol.“
(Lesen Sie auch „Alkohol und Cannabis: Arzt sagt, was wirklich schlimmer sein soll“)

Ein Teenager zündet sich einen Joint an. (Symbolbild)
Cannabis-Legalisierung: Professor in Suchtklinik gibt klare Warnung (Symbolbild) © Aitor Carrera Porta/Imago

Cannabis-Legalisierung: Entwicklung von Psychosen oder Verzögerungen in der Gehirnentwicklung

Sorgen bereiten dem Suchtmediziner besonders die Jugendlichen: „Jede Form der Legalisierung von Cannabis zielt auf Erwachsene ab. Die Hauptgruppe der Konsumenten sind aber die 12- bis 17-Jährigen“, weiß er. In diesem Alter kommen nach seinen Worten die Entwicklung von Psychosen oder Verzögerungen in der Gehirnentwicklung am häufigsten vor. 

Schon die Einführung von Cannabis als Medikament im Jahr 2017 habe bei der Pflanze zu einem deutlichen Imagewandel geführt. „Wenn sie nun auch noch legal ist, dann muss sie ja offensichtlich harmlos sein, so die wohl zu Recht anzunehmende Denkweise in dieser Altersgruppe“, meint Professor Schüppel. Das hielte er für eine fatale Botschaft. „Ob, wie von manchen Experten vorgeschlagen, eine Anhebung des Mindestalters für legalen Erwerb und Besitz von Volljährigkeit auf 21 Jahre dieses Problem lösen würde, bleibt fraglich“, so der Experte. Denn es werde immer einen älteren Bruder oder eine Bekannte mit Mindestalter geben, der oder die dann „etwas besorgen“ könne. (Lesen Sie auch „Mein Kind ist drogenabhängig: Was Angehörige jetzt tun können“)

Cannabis-Legalisierung: Experte befürchtet steigenden Konsum

Einen breiten Raum nimmt bei der Debatte um die Legalisierung die „Entkriminalisierung“ ein. „Die Legalisierung von Cannabis wird dazu führen, dass Erwachsene ‚in Ruhe‘ ihrem Konsum nachgehen können, ohne deswegen juristische Konsequenzen fürchten zu müssen“, so Professor Schüppel. Er rechnet dadurch bei Erwachsenen mit einer „mäßigen, aber sicher nicht dramatischen Steigerung der Fallzahlen und der Menge des Konsums“. (Lesen Sie auch „Legalisierung von Cannabis: Die Pros und Contras zur großen Ampel-Streitfrage“)

Das Beispiel der Niederlande habe darüber hinaus gezeigt: Cannabis ist zwar nicht die befürchtete Einstiegsdroge in harte Substanzen. Aber das Beliefern der Coffeeshops mit Rohware beflügelte den Handel beispielsweise mit Kokain enorm – mit einer massiven Zunahme bislang unbekannter Bandenkriminalität als Folge.

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Cannabis-Legalisierung: Sucht-Facharzt fordert Diskussion über Konsum im Straßenverkehr

Schüppel vermisst in der aktuellen Diskussion um die Legalisierung vor allem eines: „Cannabis ist eine auf Gehirnfunktionen wirkende Substanz.“ Der künftig womöglich legale Umgang damit ändere nichts an der Pharmakologie dieses komplexen Substanzgemisches. „Das ist bei der Teilnahme am Straßenverkehr genauso zu beachten, wie bei der Bedienung von Maschinen oder bei Verantwortung für andere Menschen“, betont der Mediziner. Die Gesellschaft müsse dann auch eine Debatte darüber führen, was – ähnlich zum „Promillewert“ beim Alkohol – die angemessene Grenze beim Cannabiskonsum sein sollte. Aktuell liegt diese bei einem Nanogramm THC pro Milliliter Blutserum und eine Anhebung wurde bereits gefordert. (Lesen Sie auch „Überraschende Studie: Menschen, die nie Alkohol trinken, sterben früher“)

„Die Legalisierung von Cannabis kommt ziemlich sicher“, so die knappe Einschätzung des Suchtexperten. Es wird darauf ankommen, nicht nur die juristischen und organisatorischen Fragen zu klären, sondern eine umfassende und für alle Fragen offene Begleitforschung zu etablieren: „Nur dann wissen wir, welche Probleme tatsächlich gelöst wurden und welche hinzugekommen sein mögen.“ *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren RedakteurInnen leider nicht beantwortet werden.

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