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Corona-Pandemie: Welchen Einfluss das Leben mit Abstand auf die Seele hat

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Von: Christine Pander

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Ein älterer Herr geht dem Sonnenuntergang entgegen, er ist allein (Symbolfoto)
Viele Wege müssen während der Pandemie alleine gegangen werden. Fehlende Berührungen bleiben nicht ohne Folgen (Symbolfoto) © Jochen Tack/imago-images.de

Schon vor der Pandemie warnten Forscher vor einer beginnenden Körperlosigkeit. Doch Berührungen sind für Menschen lebensnotwendig. Fehlen sie, drohen Krankheiten. Darauf deuten einige internationale Studien hin.

München – Social Distancing, Video-Calls, Abstandsregeln: Das Leben findet Pandemiebedingt derzeit nur mit 1,5 Metern Abstand statt. Umarmungen können gefährlich sein, deshalb gibt es auch keine Küsschen mehr auf die Wange, kein Händeschütteln und keinen Hautkontakt. Außer in Liebesbeziehungen und der direkten Familie. Schuld daran ist ein 100 Nanometer winziges Virus, das Angst, Schrecken und Krankheit verbreitet.

Corona und Psyche: Berührungen fehlen schmerzhaft

Dass die Kontakt-Begrenzung nicht folgenlos bleibt, liegt auf der Hand: Forscher haben sich schon zu Beginn der ersten Pandemie vor rund einem Jahr mit dem Thema beschäftigt. Von Januar bis März 2020 sammelten Wissenschaftler des University College London Daten von 40 000 Menschen aus 112 Ländern. Sie wollten wissen, wie sich das seelische Wohlbefinden der Menschen durch die Distanz verändert.

Schon damals gaben mehr als die Hälfte aller Befragten an, dass sie Berührungen und Hautkontakte im Alltag sehr vermissen. Nur wenige Wochen später folgte auf die britische Studie eine deutsche: Auch die Universität der Bundeswehr München ermittelte, dass 61 Prozent aller Befragten bereits wenige Woche nach Beginn des ersten Lockdowns unter fehlenden Berührungen litten.

Corona und Psyche: Vor allem für Alleinlebende ein Problem

Inzwischen gibt es auch Studien aus Italien, Frankreich und den Niederlanden zum Thema. Die Ergebnisse sind fast immer gleich. Die Mehrheit der Befragten vermisst Berührungen, Tendenz steigend. Denn je länger die Kontaktbeschränkungen dauern, desto weniger gut lässt sich der Mangel aushalten.

Psychologen nennen dafür ein einfaches Beispiel: So wie Hunger signalisiert, dass der Körper Nahrung benötigt, so ist das Gefühl der Einsamkeit ein deutliches Parameter dafür, dass Kontakte fehlen – physisch wie psychisch. Das trifft in der Pandemie vor allem Singles und Alleinlebende hart.*

Corona und Psyche: Fehlende Berührung macht krank

Was sie erleben, bezeichnete der US-amerikanische Psychologe John Cacioppo von der University of Chicago nicht nur als soziale Isolation und Einsamkeit, sondern als „sozialen Schmerz“. Und das kann sich deutlich auch in körperlichen Symptomen ausdrücken: Einsam und isolierte Menschen leiden häufig unter Erschöpfung oder Entzündungen, Kopfschmerzen oder Kreislaufstörungen.

Sie sind anfällig für Infektionskrankheiten und produzieren große Mengen an Stresshormonen. Außerdem schlafen sie schlechter, sie sind gefährdet, mit Alkohol oder fett- und zuckerreicher Kost den Mangel zu kompensieren. All das hat Cacioppo schon in der Zeit vor Corona herausgefunden.

Corona und Psyche: Depressionen nehmen zu

Dass psychische Erkrankungen wie Depressionen während der Corona-Pandemie stark zugenommen haben, überrascht daher nicht besonders. Beobachtungen der Greifswalder Psychologie-Professorin Eva-Lotta Brakemeier zufolge sind psychische Erkrankungen vor allem in der Altersgruppe der 17 bis 30-jährigen stark gestiegen.

Die Zahl junger Patienten mit seelischen Störungen, die in der Praxis der Hochschule auf eine Therapie warten, habe sich seit Beginn der Corona-Pandemie versechsfacht. Inzwischen fühlen sich 50 Prozent in dieser Altersgruppe, darunter nicht nur Studierende, laut einer Studie psychisch stark belastet.

Depression und Psyche: Berührungen halten gesund

Ein Teufelskreis: Denn dem „Deutschland-Barometer Depression“ zufolge leiden vor allem bereits depressive Menschen doppelt an den Folgen der Corona-Pandemie. Der verstärkende Effekt der sowieso schon bestehenden Erkrankung sei die fehlende Struktur des Tages.

Seit Jahren weisen Psychologen, Verhaltensforscher und Neurologen schon auf eine Zunahme psychischer Erkrankungen durch eine drohende „Körperlosigkeit“ hin, soll heißen: Wir berührten uns im Schnitt auch ohne Corona-Abstandsregeln weniger als noch zu analogen Zeiten.

Depression und Psyche: Berührung stärkt Immunsystem

Berühren und tasten ist Evolutionsbiologen zufolge aber nicht nur eine Erfahrung der Sinne, sondern die allererste, die ein Mensch im Mutterleib erlebt, und die letzte, wenn er geht. Wenn man so will, ist es der dauerhafteste und konstanteste Teil unseres Ausdruckvermögens.

Verschiedene Studien mit Mäusen und Menschen haben deutlich gezeigt, dass Berührungen auch das Immunsystem stärken. Mäuse, die über eine Woche täglich massiert wurden, hatten danach eine deutlich gestärkte Abwehrreaktion. Menschen, die jeden Tag umarmt werden, sind weniger anfällig für Erkältung. Wie das genau funktioniert, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt.

Corona und Psyche: Berührung nimmt Ängste

Klar ist aber: Durch die Ausschüttung von Oxytocin nach einer angenehmen Berührung werden Stresshormone im Körper abgebaut. Das reduziert nicht nur Ängste, sondern stärkt auch das Abwehrsystem. Außerdem hat Oxytocin im Körper eine schmerzstillende Wirkung.

Wer kann, sollte also im Dienste der eigenen Gesundheit Corona-Regelkonform versuchen, mindestens einmal am Tag eine nahestehende Person für mindestens 20 Sekunden zu umarmen. Wenn das nicht möglich ist, kann es Psychologen zufolge schon helfen, das Vorhaben Freunden und Verwandten, die grade auf Distanz bleiben müssen, mitzuteilen. Denn alleine schon das Wissen, dass eine Umarmung erwünscht ist und auch wieder kommen wird, hilft in Zeiten des Verzichts.*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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