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Kaiserschnitt ohne Grund? Medizinische Leitlinie soll die hohe Rate senken

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Von: Kristina Wagenlehner

Ein Neugeborenes liegt auf dem Bauch der Mutter. Man sieht Narben unterhalb vom Bauch und vertikal auf dem Bauch. (Symbolbild)
Fast jedes dritte Kind wird in Deutschland per Kaiserschnitt aus dem Bauch geholt. (Symbolbild) © Westend61/Imago

In Deutschland wird zu viel geschnitten. Aus medizinischer Sicht ist die Kaiserschnittrate zu hoch. Eine neue Leitlinie soll das ändern.

Berlin – Kaiserschnitt ja oder nein? In Deutschland sind rund 30 Prozent aller Geburten Kaiserschnitte, obwohl es nur bei zehn Prozent als nötig gilt. Nun soll in Deutschland eine erste Leitlinie der medizinischen Fachgesellschaften Ärzten und werdenden Eltern mehr Hilfe bei dieser Entscheidung bieten.

Kaiserschnitt ohne Grund? Keine Grenzwerte in der neuen Leitlinie

Die Leitlinie mit vielen Studienergebnissen ist in der Langfassung ein Buch mit mehr als 130 Seiten. Es fasst den Wissensstand zusammen und erhebt nicht den Anspruch, auf jede Frage eindeutige Antworten zu haben. Denn Vor- und Nachteile bei vaginaler Geburt und Kaiserschnitt gibt es auf beiden Seiten. Fakt ist: Die Kaiserschnittrate ist stark gestiegen. 2018 waren es rund 220.500, rund doppelt wie seit Anfang der 1990er Jahre. Einen Grenzwert wolle die neue Leitlinie auch aufgrund fehlender Daten aber nicht vorgeben, betonen die Mitautoren der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Es dürfe aber als gesichert gelten, dass eine Kaiserschnittrate über 15 Prozent keinen größeren Gesundheitsgewinn bringt – weder für Mutter noch für Kind. Deshalb sollten Kaiserschnitte medizinisch gut begründet sein.

Aber ist eine Kaiserschnittrate die Lösung, um medizinisch nicht notwendige Kaiserschnitte zu vermeiden? „Ich finde die Kaiserschnitt-Rate in Deutschland vertretbar, weil niemand weiß, was die ,richtige‘ Kaiserschnittrate ist“, sagt Holger Stepan, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin der Uni-Klinik Leipzig. Die Rate sei deutlich höher als sie sein sollte, urteilt Ulrich Thome, Leiter der Neugeborenen-Abteilung, ebenfalls der Uni-Klinik Leipzig. Für Frauen sei ein Kaiserschnitt eine schwere Verletzung.

Kaiserschnitt ohne Grund? Wann er (nicht) notwendig ist

Die Verfasser der Leitlinie sind sich aber einig, dass in folgenden Gründen ein Kaiserschnitt notwendig ist:

Bei allen anderen Schnittentbindungen – immerhin rund 90 Prozent – müsse zwischen den Risiken für Mutter und Kind abgewogen werden. Die Leitlinie setze sich auch mit Alternativen zu Kaiserschnitten auseinander, sagt Koordinator Frank Louwen vom Universitätsklinikum in Frankfurt am Main. Denn Kaiserschnittkinder haben ein höheres Allergie- und Asthmarisiko. Dazu kommt: Viele Eltern kennen das Allergierisiko ihres Babys nicht.

Kaiserschnitt ohne Grund? Ursachen der hohen Kaiserschnittraten

Die Gründe, warum in Deutschland so viele Babys aus dem Bauch geholt werden, sind unterschiedlich. Grundsätzlich gilt die Geburtshilfe als Hochrisiko-Bereich. Eine Geburt ohne Risiko gibt es nicht. Frauen sollten deshalb auch bei einem Kaiserschnitt wissen, was auf sie zukommt.* Denn beide Methoden haben ihre Vor- und Nachteile. Eine vaginale Entbindung hat nach vielen Studien weniger Komplikationen für die Mutter. Das Risiko für das Kind gilt, obwohl vergleichsweise höher als beim geplanten Kaiserschnitt, in absoluten Zahlen als sehr niedrig.

Bei vaginaler Geburt ist aber laut Studien das Risiko für Inkontinenz und Beckenbodenprobleme für die Mutter höher als bei einem Kaiserschnitt (Sectio). Ein Kaiserschnitt dagegen kann ein erhöhtes Risiko für Unfruchtbarkeit und Komplikationen bei weiteren Schwangerschaften bergen. Zudem scheint der fehlende Kontakt des Kindes mit der mütterlichen Scheidenflora die spätere Gesundheit des Kindes zu beeinträchtigen – etwa mit Blick auf Allergien und Übergewicht.

Dazu kommt: Ärzte werden eher wegen Komplikationen bei einer vaginalen Geburt verklagt als wegen eines überflüssigen Kaiserschnitts. Die Angst, den natürlichen Geburtsvorgang nicht zu beherrschen, ist Geburtshelfern zufolge im Klinikalltag ein wichtiger Grund für einen Kaiserschnitt. Deshalb nennen Ärzte als Voraussetzung für weniger Kaiserschnitte eine hervorragende Ausbildung und Erfahrung mit vaginalen Geburten. Außerdem fehlen in vielen deutschen Kliniken Hebammen. Kaiserschnitte sind für Kliniken besser zu planen, können zügiger abgewickelt werden und binden weniger Personal. Und sie werden als Operation deutlich besser vergütet als eine vaginale Geburt.

(Mit Material der dpa) Noch mehr spannende Gesundheits-Themen finden Sie in unserem kostenlosen Newsletter, den Sie gleich hier abonnieren können. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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