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Misophonie: Wenn Sie (Kau-)Geräusche wahnsinnig machen

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Von: Jennifer Köllen

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Eine Giraffe kaut Äste und Blätter in Südafrika. (Symbolbild)
Misophonie: Der Ekel vor (Kau-) Geräuschen. (Symbolbild) © Ardea/Imago

Misophonie: Sie können es nicht ertragen, wenn andere neben Ihnen schmatzen? Wir erklären, wann die Abneigung gegen Kaugeräusche krankhaft wird.

Bielefeld - Man sitzt beim Essen, der Tischnachbar kaut und schmatzt, und man kann diese Geräusche fast nicht ertragen. Sie kennen das? Da sind sie nicht allein, denn das geht vielen Menschen so. Doch keine Panik, deswegen müssen Sie nicht gleich eine psychische Krankheit haben.

Misophonie: Der pathologische Ekel vor Geräuschen wird meist in der Kindheit entwickelt

„Miso“ bedeutet auf Griechisch Hass, und „Phono“ Ton. Misophonie ist also der Hass auf bestimmte Töne. Menschen, die eine Misophonie haben, können bestimmte Geräusche kaum ertragen. Erinnern Sie sich noch an den Moment in der Schule, wenn die Kreide an der Tafel quietschte, und man von dem schrillen Ton eine Gänsehaut bekam? Betroffene erschaudern nicht nur bei schrillen Geräuschen, sondern auch bei ganz leisen. Die Geräuschempfindlichkeit bezieht sich dabei nur auf bestimmte Töne. Typisch ist, dass ein Betroffener ein ganz bestimmtes Geräusch nicht verträgt, sich aber nicht überdurchschnittlich an Geräuschen stört, die andere Menschen stressen, zum Beispiel ein laut weinendes Kind oder Baulärm.

Psychologen gehen davon aus, dass die Überempfindlichkeit auf bestimmte Töne psychisch bedingt ist. Die Ursache kann eine sehr unangenehme Erfahrung oder Extremsituation sein, die der Mensch in seiner Kindheit gemacht oder erlebt hat. In diesem Moment hat das Gehirn das Geräusch mit einem sehr schlechten Gefühl verknüpft.

Misophonie: Wie viele sind davon betroffen?

Internationale Studien schätzen, dass jeder 10. bis 20. bestimmte Geräusche kaum aushalten kann. Die Universität Bielefeld forscht seit Jahren zu der eher seltenen Erkrankung. Die hohe Anfrage von Betroffenen und Ärzten aus ganz Deutschland, an laufenden Studien zu dem Thema teilzunehmen, überrascht auch die Wissenschaftler. Die Anfragen seien seit 2018 gewaltig, sagte die Leiterin der Psychotherapie-Ambulanz, Hanna Kley. Viele seien dankbar, dass die Misophonie erforscht werde, da der Leidensdruck sehr hoch sei, sagte sie dem Haller Kreisblatt.

Mann beisst am Schreibtisch in ein Sandwich. (Symbolbild)
Misophonie: Betroffene können es nicht ertragen, wenn sie jemanden essen hören. (Symbolbild) © Allover-Mev/Imago

Misophonie: Bin ich nur genervt oder habe ich schon eine Krankheit?

Viele Menschen nervt es, wenn jemand neben ihnen kaut, sich schnäuzt, hustet oder schmatzt. Doch Betroffene reagieren darauf mit starkem körperlichen Unbehagen und extrem negativen Gefühlen. „Dann möchten sie am liebsten weglaufen oder den Verursachern an den Kragen gehen“, erklärt Kley dem Haller Kreisblatt. Symptome bei Misophonie sind in der Regel Ekel, Aggression und Wut. Doch für eine Diagnose müssen auch noch andere Faktoren zutreffen: Die Betroffenen müssen sich etwa in ihrem Leben und Alltag durch diese Gefühle eingeschränkt fühlen. „Das kann sich darin äußern, dass bestimmte Situationen vermieden werden oder nur unter starker Anspannung ertragen werden.“ Manche würden öffentliche Verkehrsmittel meiden, weil jemand neben ihnen ein Brötchen essen könnte, oder seien bereits bei dem Gedanken an den schmatzenden Kollegen beim Mittagessen angespannt.

Auffällig sei für Kley, dass sich die Geräuschempfindlichkeit besonders häufig auf nahestehende Angehörige konzentriert. „Das belastet zusätzlich, weil die Betroffenen ausgerechnet gegenüber geliebten Menschen in bestimmten Momenten Wut und Hass empfinden.“ „Dadurch kann sogar das Familienleben oder die Beziehung zum Partner belastet* sein.“ Betroffene würden in den Situationen, die sie triggern, ausgerechnet gegenüber ihnen geliebten Menschen Wut und Hass empfinden.

Misothonie: Das können Betroffene tun, damit sie bei den gehassten Geräuschen nicht ausrasten

Wie bei vielen psychischen Erkrankungen hilft auch bei Misophonie, Kontrolle über die eigenen Emotionen zu erlangen und sich zu entspannen. Yoga und Entspannungsübungen können Abhilfe schaffen. Auch eine Verhaltenstherapie bei einem psychologischen Psychotherapeuten kann helfen. In der Therapie werden Wege aus gelernten Mustern gesucht und eingeübt. Ziel ist es, die Fehlverknüpfung eines Geräusches mit dem unangenehmen Gefühl aufzulösen oder zumindest zu lernen, mit aufkommenden negativen Gefühlen gut umzugehen. Außerdem können sich Betroffene bei der Universität Bielefeld melden, um an laufenden Studien teilzunehmen.

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Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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