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Pickel ausdrücken: Darum wird der Ekel zur Faszination – und zieht ein Millionenpublikum an

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Von: Max Partelly

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Pickel ausdrücken finden viele eklig. Andere wiederum finden es geradezu entspannend. So entspannend, dass Videos davon ein Millionenpublikum online begeistern.

München – Der Mensch hat eine Faszination für das Makabre. Unzählige Bücher, Filme und Serien bringen wahrlich grausige Darstellungen als Unterhaltung in das Leben derer, die sie lesen oder ansehen. Warum tun wir uns das an? Der Grund dafür ist laut Experten zum Teil derselbe, aus dem viele Menschen gerne Videos von Personen wie der Dermatologin „Dr. Pimple Popper“ anschauen. Wenn Pickel sich nicht schnell und einfach entfernen* lassen – so scheint es – landen sie bei „Dr. Pimple Popper“. Dort werden Pickel, Mitesser, Zysten und unter anderem auch Lipome entfernt. Eklig finden das die einen, beruhigend und interessant finden es anderen.

Der YouTube-Kanal von „Dr. Pimple Popper“, ihres Zeichens US-Dermatologin mit dem bürgerlichen Namen Sandra Lee, hat mit Stand vom 15. Oktober 2022 über 7,57 Millionen Abonnenten. Innerhalb eines Monats sammeln die einzelnen Videos der Dermatologin regelmäßig mehrere hunderttausend Aufrufe. Die Faszination rund ums Pickel-ausdrücken ist für manche jedoch nicht nachvollziehbar. Experten sehen einen soziologischen Hintergrund und vermuten, dass es dabei um den Wunsch zur Vorbereitung geht vor etwas Ekeligem, wie einem Pickel* aus sicherer Entfernung.

Pickel ausdrücken: Experten sprechen von mehreren Faktoren bei der Faszination

Trotz umstrittenen Mitteln wie etwa Zink-Salbe, auf die manche schwören, kommt man oft nicht um die nervigen Pickel rum. Doch warum fasziniert so viele Menschen das Pickel-ausdrücken? Den einen einzelnen Grund gibt es laut Experten dafür nicht. Aber Ekel ist sicherlich ein Faktor, wie Dagmar Unz von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt gegenüber der dpa angibt. „Emotionen haben Schutzfunktionen. Ekel wird hervorgerufen bei Dingen, die krank machen, wie Kot, Leichen oder Eiter.“ Befasst man sich damit aus einer sicheren Situation heraus, sei es Prävention, erklärt die Professorin unter anderem für Medienpsychologie: „Wir beschäftigen uns mit potenziellen Gefahren, um vorbereitet zu sein.“

Eine junge Frau bei der Kosmetik Behandlung
(Symbolbild) Eine junge Frau bei der Kosmetik Behandlung © Matthias Stolt/Imago

Ein neuer Trend sei das aber nicht, betont Unz. Schon früh in der Menschheitsgeschichte wurde sich verschiedener Themen bedient, die schockieren. Im Theater konnten früher die Menschen geschockt werden, wenn die Schauspieler nackt und blutverschmiert auf der Bühne standen. „Damit die Funktion heute erfüllt wird, brauchen Sie etwas Neues“, erklärt Unz. Das Dschungelcamp, Bücher mit den ekligsten Dingen der Welt und auch Horrorfilme sind teils aus ähnlichen Gründen faszinierend.

Pickel ausdrücken: Auch ein Stück Angeregtsein

Die Parallele zwischen Angst und Ekel zieht auch Peter Falkai, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum der Universität München. Es gehe ein Stück weit um Voyeurismus und Angeregtheit gibt auch er gegenüber der dpa an. Wie genau ein Medium mit Ekelfaktor – sei es Horrorfilm oder Pickel ausdrücken – wahrgenommen wird, hängt laut Falkei mit der Empathie des Zuschauers zusammen. „Empathische Menschen spüren in dem Moment auch den Schmerz“, so der frühere Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Wer weniger empathisch ist, bei dem sei die Lust am Betrachten ausschlaggebend: „Es gab in der Geschichte immer Leute, die Freakshows gesammelt haben.“

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Pickel ausdrücken: US-Wissenschaftler über die „bizarre Faszination“ und Dopamin

Dass es um mehr geht, als um eine schnelle Lösung für ein kleines Problem, sieht auch Dr. Abigail Cline Ph.D. vom Zentrum für Dermatologie-Forschung an der Wake Forest School of Medicine in den USA: „Manche Menschen empfinden ein Gefühl der Kontrolle und Befriedigung, wenn sie sich selbst ‚behandeln‘. Sie reinigen oder befreien ihren Körper von etwas, das nicht zu ihm gehört.“ Gegenüber Men‘s Health erklärt sie aber auch: „Andere mögen den grotesken Aspekt von Extraktionen – genießen und empfinden eine gewisse bizarre Faszination, wenn sie den Eiterausbruch sehen.“

Möglicherweise spielt auch die Überwindung, etwas Ekliges zu beobachten, eine Rolle. „Die Menschen haben vielleicht Spaß daran, ihre angeborene Abneigung zu überwinden“, sagt Dr. Cline. „Man testet sich selbst, um zu sehen, wie viel man ertragen kann, bevor man wegschaut. Beim Betrachten eines ‚Ausdrück‘-Videos bekommen manche Zuschauer einen Dopaminschub, während andere einen Brechreiz verspüren“.

Ausdrücken von Pickeln: Kontrolle und Voyeurismus als Faktor für Faszination

Marc LaFrance, außerordentlicher Professor für Soziologie an der Concordia-Universität spricht bei der Faszination rund um das Ausdrücken von Pickeln gegenüber Men‘s Health von der flüchtigen Erfahrung, Kontrolle über etwas zu haben, für das man sich nicht selbst entschieden hat. Er zählt neben den Faktoren des Ekels und des Voyeurismus auch eine positive Auswirkung der Videos auf das Selbstwertgefühl von Personen auf, die selbst unter unreiner Haut leiden. Da sie hier sehen, dass es mehr Menschen gibt, die Probleme mit ihrer Haut haben, fühlen sie sich in ihrer eigenen wohler.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist bereits in der Vergangenheit erschienen. Er hat viele Leserinnen und Leser besonders interessiert. Deshalb bieten wir ihn erneut an.

Sich an den Videos von ausgebildeten Medizinern zu orientieren und selbst tätig zu werden, ist grundsätzlich nicht empfehlenswert. Selbst Hand anzulegen, kann zu unangenehmen Entzündungen führen, die Heilung verzögern oder sogar Schäden verursachen. Darüber hinaus gibt es sogar vier Pickelarten, die niemals ausgedrückt werden* sollten. Je nach Hauttyp kann ein Salz-Peeling eine gute Sache sein. Wer Akne hat, kann auf seine Ernährung achten und sollte sich von einem Arzt beraten lassen. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren RedakteurInnen leider nicht beantwortet werden.

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