Resilienz-Experte erklärt, wie wir lernen, an Krisen nicht zu zerbrechen

Aktualisiert:

Von: Constanze Julita

Eine Frau blickt traurig aus einem regnerischen Fenster.
Resilienz-Experte Sebastian Mauritz erklärt, wie Krisen richtig verarbeitet werden können. © Panthermedia/IMAGO

Wie behält man in schwierigen Zeiten mentale Stärke? Ein Gespräch mit einem Resilienz-Experten enthüllt, was uns durch Krisen trägt.

Plötzlich ist alles anders. Man verliert den Boden unter den Füßen, der gewohnte Alltag gerät ins Wanken und statt Klarheit herrscht Unsicherheit. Oftmals erwischen uns Krisen unerwartet, manchmal schleichend, manchmal abrupt. Und immer stellen sie uns vor dieselbe Frage: Wie komme ich da durch, und was bleibt von mir übrig? Im Gespräch mit dem Resilienz-Experten und Autor Sebastian Mauritz wird deutlich, was es wirklich braucht, um eine Krise nicht nur zu überleben, sondern sie zu akzeptieren und womöglich sogar daran zu wachsen.

Experte Sebastian Mauritz

Sebastian Mauritz, M.A. Systemische Beratung, ist einer der führenden Experten für angewandte Resilienz in Deutschland. Er ist fünffacher Fachbuchautor, Keynote-Speaker, Resilienz-Lehrtrainer, Systemischer Coach, war und ist Vorstand in vielen Coach- und Trainer-Verbänden und Unternehmer. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich individuelle Resilienz und Prosilienz®, resilienter Führung und Teamresilienz. Er ist Initiator des jährlichen Resilienz-Online-Kongresses, in dessen Rahmen er sich bereits mit über 240 weiteren Expertinnen und Experten der Resilienz aus verschiedenen Disziplinen ausgetauscht hat, sowie des Resilienz-Podcasts Rethinking Resilience.

Sebastian Mauritz, Experte für Resilienz.
Sebastian Mauritz gilt als einer der Experten rund um das Thema Resilienz. © Sebastian Mauritz

Die Kraft, wieder aufzustehen – was Resilienz wirklich bedeutet

In solchen Phasen kommt ein psychologischer Begriff ins Spiel, der in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat: Resilienz. Gemeint ist damit die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen zu bewältigen, ohne daran zu zerbrechen und dabei psychisch gesund zu bleiben. Dabei handelt es sich nicht um eine angeborene Superkraft, sondern um einen erlernbaren Prozess. Dieser ist von Schutzfaktoren wie Selbstwahrnehmung, Flexibilität, sozialer Verbundenheit und Erholung geprägt.

Laut Sebastian Mauritz lässt sich der Prozess der Resilienz in fünf Schritten beschreiben.

  1. Prospektion: Das Gehirn antizipiert künftige Herausforderungen. Es erkennt Muster, um sich auf mögliche Belastungen vorzubereiten. Resilienz beginnt mit der inneren Vorahnung: „Da kommt etwas.“
  2. Widerstandskraft: Die Fähigkeit, Belastungen auszuhalten, ohne sofort zu zerbrechen. Auch Willenskraft gehört dazu, manchmal muss man „gegenhalten“, wie ein Fels in der Brandung.
  3. Anpassungsfähigkeit: Flexibel bleiben, um auf neue Anforderungen zu reagieren. Resilienz heißt nicht starr bleiben, sondern kreativ Probleme lösen und sich neu orientieren können.
  4. Regeneration: Nach der Belastung braucht es Erholung. Körper und Psyche müssen wieder in Balance kommen. Durch Rückzug, Schlaf, Bewegung oder soziale Nähe.
  5. Verarbeitung & Lernen: Der entscheidende Schritt: aus dem Erlebten Erkenntnisse gewinnen. Wer sich fragt „Was habe ich daraus gelernt?“, stärkt langfristig seine Resilienz.

Allerdings führt nicht jede Krise automatisch zu Wachstum. Im Gegenteil: „Krisen machen uns nicht automatisch stark. Sie fordern uns heraus, bewusst zu wachsen“, so Mauritz. Dafür braucht es Reflexion, emotionale Verarbeitung und manchmal auch Unterstützung von außen. Zusätzlich können in Krisenzeiten verschiedene kleine Rituale oder Mini-Pausen helfen, die eigene Resilienz zu stärken.

Wer praktische Übungen aus den Bereichen Achtsamkeit, Bewegung und Meditation für mehr Resilienz ausprobieren möchte, kann sich HIER den kostenlosen Ratgeber herunterladen.

Übrigens: Resilienz-Experte Sebastian Mauritz erklärt auch, mit welchen zehn Strategien Sie Ihre innere Stärke fördern. Außerdem zeigt er auf, wie Sie beruflich und privat nicht an Herausforderungen zerbrechen.

Orientierung finden: Drei Fragen für mehr Klarheit

Doch wie beginnt man, eine Krise wirklich zu verarbeiten? Wie kann es gelingen, sich nicht nur durchzubeißen, sondern den eigenen Weg durch das Chaos zu finden? Echte Verarbeitung beginnt mit der Frage, was gerade wirklich gebraucht wird. „Wir arbeiten in der Krisenbegleitung oft mit drei einfachen, aber wirkungsvollen Fragen“, erklärt der Experte. Sie helfen, Gedanken zu sortieren und emotionale Überforderung zu strukturieren:

  • Was wäre der beste Fall, der eintreten kann und wie kann ich ihn eintreffen lassen?
  • Was wäre der schlimmste Fall, wie kann ich mich darauf vorbereiten und was muss ich vordenken?
  • Was ist der wahrscheinlichste Fall – und was kann ich tun, damit er eintrifft?

„Diese drei Fragen bilden einen inneren Korridor“, so Mauritz. „Sie verhindern, dass wir nur im Worst-Case-Denken stecken bleiben und geben uns stattdessen Handlungsspielräume zurück.“ Es geht dabei nicht um Optimismus um jeden Preis, sondern um ein realistisches Abwägen: Was kann ich beeinflussen und was nicht?

Gerade in akuten Krisen, in denen das Gefühl von Kontrollverlust übermächtig wird, kann diese gedankliche Struktur helfen, die Perspektive zu weiten. Anstatt sich ausschließlich auf die Bedrohung zu konzentrieren, richtet sich der Blick auf Möglichkeiten und das Gefühl, nicht völlig ausgeliefert zu sein.

Gefühle zulassen: Warum emotionale Verarbeitung entscheidend ist

Ein zentraler Teil gelingender Krisenbewältigung ist der Umgang mit den eigenen Gefühlen. Statt Emotionen wie Trauer, Wut oder Angst schnell beiseitezuschieben, braucht es den Mut sie bewusst wahrzunehmen. „Emotionen sind Hüterinnen von Bedürfnissen. Sie zeigen uns, was fehlt und was wichtig ist“, so der Resilienz-Experte.

Besonders die Trauer sei oft missverstanden: „Trauer ist die Hüterin der Werterinnerung. Sie erinnert uns daran, was uns einmal bedeutungsvoll war.“ Wer sie verdrängt, verschließt sich auch dem, was in der Krise gewürdigt werden will und verpasst die Chance, den Verlust in die eigene Geschichte zu integrieren. Dabei bedeutet emotionale Verarbeitung nicht, sich in Gefühlen zu verlieren, sondern sie anzuerkennen und Raum zu geben.

Kommentare

$Teilen